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Literaturstadt Frankfurt Wie Athen, nur anstrengender

Goethe, Buchmesse, Struwwelpeter - Frankfurts Beitrag zur Weltliteratur ist offensichtlich. Trotzdem fehlte bislang eine übersichtliche Literaturgeschichte der Stadt. Jetzt haben Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz sie vorgelegt.

© Besprochener Band Vergrößern Frankfurts literarisches Leben reicht weit zurück: Goethes Arbeitszimmer in seinem Elternhaus wurde im Krieg zerstört.

Beinahe wäre das „Kapital“ in Frankfurt erschienen. Karl Marx hatte um 1850 vor, das langsam voranschreitende Werk in dem Verlag erscheinen zu lassen, der einige Jahre zuvor schon seine zusammen mit Friedrich Engels verfasste Polemik „Die heilige Familie“ herausgebracht hatte. Da das Unternehmen jedoch Schwierigkeiten mit der Zensur hatte, entschied Marx sich gegen Rütten & Loening, dessen Inhaber, der mit dem Frankfurter Arzt und „Struwwelpeter“-Autor Heinrich Hoffmann befreundete Verleger Zacharias Löwenthal, als liberaler Demokrat zudem wenig für die immer radikaleren Anschauungen des allmählich entstehenden Kommunismus übrighatte.

Leser Georg Büchners wissen, dass anderthalb Jahrzehnte zuvor in Frankfurt das Revolutionsdrama „Dantons Tod“ erstmals gedruckt worden war, in J.D. Sauerländer’s Verlag, der noch heute besteht. Dass zur Geschichte der Stadt aber auch eine Was-wäre-wenn-Marx-Anekdote zählt, ist nicht gerade Allgemeingut. Sie weiterzutragen gehört zu den zahlreichen Verdiensten des Buches, das Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz nun unter dem Titel „Was niemand hat, find ich bei dir - Eine Frankfurter Literaturgeschichte“ vorgelegt haben.

Eine Geschichte rund um die Literatur

Der in diesen Tagen bei Philipp von Zabern in Darmstadt erschienene Band ist eine Literaturgeschichte, die Wert auf die Geschichte rund um die Literatur legt. Frankfurts Schriftsteller und ihre Werke werden nach Möglichkeit zusammen mit den politischen Ereignissen, den sozialen und religiösen Verhältnissen sowie den Ideenwelten ihrer jeweiligen Zeit gezeigt. Das ist umso erfreulicher, als die Verfasser sich auch damit hätten begnügen können, Frankfurts Literaturgeschichte einfach so herunterzuerzählen, da schon das ein Gewinn gewesen wäre. Schließlich haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Titel einzelnen Facetten der Bücherstadt Frankfurt gewidmet, eine Gesamtdarstellung aber, mit Tiefgang auf Breitenwirkung angelegt, war nicht greifbar. Boehncke und Sarkowicz führen nun anderswo erarbeitete Schilderungen einzelner Zeiten, Werke und Autoren zusammen, verklammert durch das Bild Frankfurts als Handelsplatz der Waren, aber auch der Ideen, angereichert zudem mit zahlreichen eigenen Funden.

Wer andere Bücher der Autoren kennt, ihren 2005 erschienenen Band „Literaturland Hessen“ zum Beispiel oder ihre im vorigen Jahr erschienene Biographie Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens, der ahnt, dass sie Stoff für weit mehr als die 344 Seiten gehabt hätten, die das Buch nun umfasst. Reich, knapp, lesbar ist es geworden, so wie die 67 Seiten, die Goethe gewidmet werden mussten, dem wichtigsten Bürger, den Frankfurt hervorgebracht hat, auch wenn der schmählich in den Ruhm und nach Weimar entfleuchte Dichter das Bürgerrecht seiner Heimatstadt nach den Befreiungskriegen aufgab, weil ihm die dafür zu entrichtenden Steuern zu hoch waren. Es geht Boehncke und Sarkowicz aber nicht nur um Frankfurts größten Sohn, sondern auch um das erste Buch, von dem man sicher weiß, das es in Frankfurt entstand, die im Jahr 823 auf Pergament geschriebene Kopie eines Augustinus-Kommentars zu einem Johannes-Brief. Viel Stoff bietet ihnen auch die Buchmesse, die Frankfurt im 16. Jahrhundert zum Mittelpunkt des geistigen Lebens in ganz Europa machte.

„Auf dem Potsdamer Platz werden Schafe weiden“

In einem Brief schreibt Erasmus von Rotterdam schon 1530, wie turbulent es vor der Bücherschau werde: „Wenn es auf die Frankfurter Messe zugeht, bin ich immer erschlagen, teils wegen der Arbeit, da die Druckerpressen dann am meisten lärmen, teils wegen der Berge von Briefen, die aus aller Welt herbeifliegen und die ich dann beantworten muss. Zu dieser Zeit kann ich kaum meine Gesundheit retten: Niemals bin ich mehr belastet als in dieser Zeit.“ Die Ware Buch, Frankfurt als Ort der Arbeit, das sind Topoi, die bleiben, ebenso wie der Eindruck, es handele sich um eine Stadt des Geistes. Der Stadtpfarrer Konrad Lautenbach vergleicht sie 1596 in seinen unter dem Pseudonym Marx Mangoldt veröffentlichten „Marckschiffergesprächen“ sogar mit der Philosophen-Hauptstadt der Antike: „Also daß allda die Buchgass/Jetzt billich ist, was Athen war.“

Auch vom Ursprung des Frankfurter Verlagswesens im lange sehr bedeutenden Buchdruck, von den Zeitungen und Theatern der Stadt berichten Boehncke und Sarkowicz, chronologisch geordnet vom Hochmittelalter bis in die Nachkriegszeit. Ausdrücklich ausgespart bleibt eine ausführlichere Darstellung der Gegenwart, den Autoren, die heute schreiben, ist ein Überblick am Ende des Buches vorbehalten. Eingestreut sind breiter ausgemalte Episoden wie Voltaires Verhaftung auf seiner Flucht aus Preußen und der Fall „Nachtigall“, der 1567 Kaiser Maximilian II. und 1773 Gotthold Ephraim Lessing beschäftigt, aber auch der Warnruf des Dramatikers Fritz von Unruh, der am 8. Mai 1932 im Zuschauerraum des Schauspielhauses den Untergang Deutschlands prophezeit: „Auf dem Potsdamer Platz werden Schafe weiden!“

Literarische Touristen

Und dann sind da noch die literarischen Touristen. 1867 besichtigen die Dostojewskis die Stadt. Anna Dostojewskaja schreibt später: „Wir kehrten zum Bahnhof zurück, Fedja war dermaßen müde, dass er einfach auf die Bank fiel, so schlecht fühlte er sich. Dann mussten wir noch lange auf den Zug warten.“ Aus Dostojewski wurde so wenig ein Frankfurter Autor wie aus Marx. Vereint sind sie nun bei Sarkowicz und Boehncke.

Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, „Was niemand hat, find ich bei Dir - Eine Frankfurter Literaturgeschichte“, Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2012, 344 S., geb., 29,99 Euro.

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Quelle: F.A.S.

 
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