21.04.2007 · Dichtung verschreckt sogar Literaturfans, sagt Maria Gazzetti. Kommende Woche soll sich das ändern: Bei den 1. Frankfurter Lyriktagen „Main Poesia“ im Literaturhaus.
Von Florian BalkeWelche Folgen Gedichte auslösen können, ist immer wieder verblüffend. Da feilt Maria Gazzetti, die Leiterin des Frankfurter Literaturhauses, zusammen mit dem Lyriker Matthias Göritz zwei Jahre lang an den Plänen für ein Frankfurter Lyrikfestival, und schaut man genauer hin, ist es eine zu ihren Lebzeiten nahezu unbekannte und seit 121 Jahren tote amerikanische Dichterin, die es zusammenhalten wird. Vom kommenden Donnerstag an stehen die 1. Frankfurter Lyriktage „Main Poesia“ unter dem Gedichtleitstern der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson.
Für Gazzetti, die seit Beginn ihrer Frankfurter Zeit Lyriklesungen veranstaltet hat, ist es die Verwirklichung eines Traumes. Schon lange wollte sie andere Formen erproben als die häufig sogar beim Literaturhauspublikum angstbesetzte Dichterlesung – selbst vielen Frankfurter Literaturfreunden, sagt Gazzetti, erscheine Lyrik noch immer als viel zu unverständlich und kompliziert. Dann kam Matthias Göritz nach Frankfurt.
Was sich so tut in der zeitgenössischen Lyrik
Mit ihm konnte sie endlich an die Organisation dessen gehen, was sie sich erhofft hatte – eines Festivals, das dem Frankfurter Publikum Gelegenheit böte, nicht nur einzelne Dichter kennenzulernen, sondern einen Überblick zu gewinnen über das, was sich so tut in der zeitgenössischen Lyrik: „Wo wird wie geschrieben, welche Richtungen gibt es?“ Die Zusammenarbeit verlief problemlos, man kennt sich aus gemeinsamen Hamburger Zeiten: „Wir haben uns nie gestritten.“ Vieles gelang: 20.000 Euro für Reisen, Unterkunft und Honorare haben Gazzetti und Göritz bei Sponsoren auftreiben können.
Mehr wäre wie immer auch schön gewesen, aber hier hoffen die beiden darauf, sich mit dem ersten Festival ein Profil erarbeiten zu können, das beim nächsten Mal hilfreich ist. Viele Pläne mussten zwischendurch aber auch umgestoßen und durch andere ersetzt werden. So ist es unsicher, ob die erkrankte amerikanische Lyrikerin Anne Carson, eine der bedeutendsten Dichterinnen der Gegenwart, wirklich kommen kann. Eine Chance für die Einspringer – wie in der Oper? Kaum, schließlich sind Martine Bellen und Lavinia Greenlaw, die am dritten Festivaltag zu Gast sind, große Künstlerinnen eigenen Rechts.
Ein begehbares Gedicht
Gazzetti und Göritz sind gespannt, wie ihre Pläne sich zum Ganzen fügen. Ein „schlankes und präzises“ Festival habe es werden sollen, sagt Göritz. Ganz im Geist Emily Dickinsons also, deren Lyrik Göritz liebt. Eingeladen wurden für die Lesungen des ersten Festivaltags daher Dichter, die durchaus unterschiedlich schreiben, sich aber sämtlich für die Traditionslinien der angelsächsischen Lyrik interessieren. Sie alle bringen Widmungsgedichte für Dickinson mit, die in der „Neuen Rundschau“ des S. Fischer Verlags veröffentlicht werden.
Der Dichterin selbst ist der zweite Abend der Lyriktage gewidmet. In seinem Zentrum stehen die im vergangenen Jahr bei Hanser und S. Fischer erschienenen grandiosen deutschen Übersetzungen der Briefe und Gedichte Dickinsons. In ihre Lyrik wird auch die Prunktreppe des Literaturhauses gehüllt: Stephan Krass macht aus ihr ein begehbares Gedicht. Denn der Schritt in die Lyrik ist eigentlich ganz leicht.
Drei Tage Lyrik
Die 1. Frankfurter Lyriktage „Main Poesia“ finden vom 26. bis zum 28. April im Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2, statt. Am 26. April lesen Silke Scheuermann, Matthias Göritz, Hendrik Rost und Ron Winkler sowie Ale teger, Ulf Stolterfoht und Olga Martynova. Am 27. April spricht Felicitas von Lovenberg, Redakteurin im Feuilleton dieser Zeitung, mit den Übersetzerinnen Gunhild Kübler und Uda Strätling über Emily Dickinson. Am 28. April schließlich lesen Lavinia Greenlaw und Martine Bellen. Beginn ist jeweils 20 Uhr.