09.01.2006 · Mit dem Büchnerpreis hat er nie gerechnet. Als Mitte 2004 der Anruf des Akademie-Präsidents Klaus Reichert kam, ließ er sich vorsichtshalber dessen Vornamen nennen, um keinem Scherz aufzusitzen. Nun tritt Wilhelm Genazino seine Poetik-Vorlesungen an.
Mit dem Büchnerpreis hat er nie gerechnet. Als Mitte 2004 der Anruf des Akademie-Präsidents Klaus Reichert kam, ließ er sich vorsichtshalber dessen Vornamen nennen, um keinem Scherz aufzusitzen. Nach anfänglicher Verwunderung hat sich Wilhelm Genazino natürlich über die Auszeichnung gefreut - über eine „Anerkennung, die auch beruhigt“. Mit Anfang sechzig sei er freilich auch im besten Alter gewesen für den wichtigsten deutschen Literaturpreis: „Die damit verbundene Aufmerksamkeit kann mir nicht mehr schaden. Mit 35 hätte sie mich vielleicht aus der Kurve getragen.“
Nicht unzufrieden ist er gewesen mit dem Status davor, einer „normalen“ literarischen Existenz. Etwa 3000 bis 5000 Leser hätten seine Werke jeweils gefunden, „meistens qualifizierte Menschen“, was ihm eigentlich ausreichend erschien. Daß ihm jetzt weitaus mehr Interesse zuteil wird, bemerkt er mit beinahe vollkommener Gleichmut, hinter der auch ein wenig Ärger über seine verlorene „Verborgenheit“ aufscheint. Einige Tage zum Beispiel vor dem heutigen Beginn seiner Poetik-Vorlesungen an der Frankfurter Goethe-Universität lebte der Rummel wieder auf, sollte er andauernd interviewt und gefilmt werden. „Aber das flaut dann wieder ab.“
Den Dingen durch Beschreibung Poesie entlocken
In fünf Vorlesungen möchte Genazino nun untersuchen, wie den Dingen durch Beschreibung Poesie entlockt werden kann. Eine Frage, die ins Zentrum seines Werks zielt. Gilt Genazino doch als Meister der Beschreibung von Details, als derjenige, der angeblich unscheinbaren und gescheiterten Menschen und banalen Dingen des alltäglichen Lebens etwas abzulauschen versteht - und das sehr fesselnd, komisch und stets respektvoll. In seinen Essays „Der gedehnte Blick“ hat der Autor schon über die Bedingungen seines Schreibens berichtet. „Epiphanie“ nennt Genazino etwa jenes Verfahren, mit dem er sich auf Joyce, Proust und Woolf bezieht und das Objekte für einen Moment „aufleuchten“ läßt, ein Erlebnis, das einem mehr Klarheit verschaffe als langes Grübeln. Die besten Beobachtungen ließen sich dabei an als öde verschrieenen Orten machen, hat Genazino außerdem festgestellt.
Nichts ist, wie es auf den ersten Moment scheint, und nur ein langer, gründlicher Blick deckt die Dinge in ihrer Vielschichtigkeit auf. Einmal hat der Autor zum Beispiel ein paar Spatzen gesehen, die sich um Futter stritten. Erst als er näher heranging, entdeckte er, daß sie Tonbandfetzen im Schnabel trugen, um ihre Nester zu bauen. Um solche Einzelheiten sehen zu können, bedürfe es aber auch eines „dauernd geöffneten Bewußtseins“, einer ständigen Belauerung, wobei der „belauernde Mensch“ an sich poetisch sei. In „Beobachtungsverhältnisse“ versetze einen zwangsläufig auch die Langeweile, sagt Genazino, der schon in der Dankesrede zur Büchnerpreis-Verleihung ebenjenes Vermögen, die eigene Langeweile auszuhalten, als nötigen Ausgleich zur „hochdosierten Fremdunterhaltung“ gelobt hatte: „Aus einem Mangel wird dann eine Ressource.“