01.09.2010 · Agitation und Zähneblecken: die Formation „Limp Bizkit“ mit kruder Mixtur aus Metal, Punk und Rap in der Jahrhunderthalle Frankfurt.
Von Michael KöhlerUnter dem vergleichsweise harmlosen Begriff „Tea Party“ gruppieren sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gegenwärtig die patriotischen Konservativen gegen den amtierenden amerikanischen Präsidenten Barack Obama, die Partei der Demokraten und ihre in Zeiten nach der Krise angeblich viel zu liberale Gesinnung. Auf Tiefststände gesunken sind Obamas Umfragewerte. Kein gutes Zeichen im Hinblick auf die im November anstehenden Kongresswahlen. Eine Politik der harten Hand fordert die nach der historischen „Boston Tea Party“ benannte Bewegung. Mit der Republikanerin Sarah Palin als polarisierendem Irrlicht im Zentrum bleckt die angebliche Moral Majority nicht nur medial scharf die Zähne.
Seine Zähne bleckt auch Fred Durst, Sänger und Rapper von Limp Bizkit, immer wieder gern. Beim Deutschland-Auftakt in der Frankfurter Jahrhunderthalle gefällt sich der stämmige und tätowierte Frontmann im XXL-Look vor allem in typischer Agitatoren-Pose, die er sich vor zwei Jahrzehnten von afroamerikanischen Rappern aus dem Getto abgeschaut hat. Begreift sich doch der mittlerweile 40 Jahre alte Berufsjugendliche trotz Millionärsstatus nach wie vor als Stimme des kleinen Mannes, der noch immer voller Überzeugung „My Generation“ und „9 Teen 90 Nine“ beschwört, obwohl das Glorifizieren jenes unwiederbringlichen Moments schon mehr als eine Dekade her ist.
Die subversive Sicht der Dinge in eindeutigen Botschaften
Leidenschaftlich gegen Obamas Vorgänger Bush wetterte der aus kleinen Verhältnissen stammende Selfmademan mit Karrierestationen wie Skateboarder und Tätowierer seinerzeit bei jeder Gelegenheit. So viel heldenhafter Wagemut genügen Fred Durst, um als rebellische Lichtgestalt von einer Generation verehrt zu werden, die Schwierigkeiten hat, mehr als zwei Minuten stillzusitzen, die ohne Mobiltelefon nicht lebensfähig erscheint, aber auch glaubt, dass Zigaretten und permanent gezückte Bierflaschen ultimative Coolness verleihen. Auf intensive Probe gestellt wird das Leben zwischen Schule, Lehre, Uni, Beruf und viel Freizeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die, im Gegensatz zu den Generationen vor ihnen, anscheinend nichts haben, wogegen es sich zu protestieren lohnte.
Kaum setzt Fred Durst an, seine subversive Sicht der Dinge in eindeutigen Botschaften wie „My Way“ mittels ohrenbetäubender Lautstärke unter das auf Partystimmung geeichte Volk zu verteilen, fliegen binnen Minuten auch schon aus der ineinander verknäulten Menschenmasse, die zeitweilig kollektiv ritualisierte Stammestänze zu inszenieren pflegt, erste, noch einzelne Kleidungsstücke. Selbst der den Anblick von ekstatischen Massen gewohnte Durst staunt über den archaischen Hexenkessel, der sich, in giftgrünes Scheinwerferlicht getaucht, vor ihm offenbart. „What a great night“, resümiert er, streut reflexhaft ein saftiges „Motherfucker“ hinterher und weiß ganz genau, dass er mit kruder Mixtur aus Metal, Punk und Rap, als würde ständig jemand die Skip-Taste am iPod betätigen, bei den desorientierten Kids voll ins Schwarze trifft. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die jahrelang untereinander zerstrittenen Limp Bizkit sich ausgerechnet in jener Phase in Originalbesetzung reformieren, in der im Heimatland Amerika der Ruf nach „Gesetz und Ordnung“ wieder laut wird und der als subversive Gegenmaßnahme gereckte Stinkefinger abermals ein Verkaufsschlager zu werden verspricht. Kalkuliert war bei Limp Bizkit ohnehin schon immer alles.