29.01.2007 · Auf der Suche nach dem Ursprünglichen entdeckte der Künstler Franz Marc die Vierbeiner als Thema. Er hob die Tiermalerei auf ein neues Niveau.
Von Michael HierholzerMit Franz Marc ist die Tiermalerei auf ein neues Niveau gehoben worden. Pferde, Kühe, Affen, Tiger sind dank seiner Vorliebe für die Kreatur gewissermaßen in der Moderne angekommen: Sie gewinnen als Sujets an Autonomie, um sie freilich sofort wieder mit Farben und Formen, die sich vom Zwang zur naturgetreuen Wiedergabe befreit haben, zu teilen.
Alte Zusammenhänge werden ignoriert: Weder werden die Tiere aus wissenschaftlichem Interesse auf die Leinwand gebracht, noch sind sie schmückendes Beiwerk des Alltags oder Erinnerung an erfolgreiche Jagden. Die Tiere sind nichts anderes als sie selbst. Motive aus eigenem Recht. So wie Farben und Formen nicht länger Zwecken und Zielen außerhalb der Kunst untergeordnet werden.
Natur in ihrer Reinheit
Gelegentlich braucht es einen zweiten Blick, um bei dem Mitglied der Künstlervereinigung „Blauer Reiter“ den Bildgegenstand auszumachen, und die Zeitgenossen standen ratlos vor manchen Gemälden, weil sie vor lauter ineinander verkeilter Farbflächen die für heutige Betrachter schon sehr deutlich sichtbaren Rehe im Wald nicht erkannten. Marcs Bilder haben ein neues Sehen erfordert.
Auf der Suche nach dem Ursprünglichen wie alle Avantgardisten der frühen Jahre entdeckte der Künstler die Vierbeiner als Thema. Es galt, die Natur in ihrer Reinheit zum Ausdruck zu bringen. Mit einer Kunst, die in ihrem Stil natürlich sein wollte, unverbildet, ohne auf akademische Vorschriften Rücksicht zu nehmen. So sind Marcs Darstellungen vom „Tierstück“ vergangener Jahrhunderte so weit entfernt wie von der dekorativen Massenkunst, die vor knapp 100 Jahren den sprichwörtlichen röhrenden Hirsch in zahllosen Variationen anbot.
Schlafend im Schnee
Seinen weißen sibirischen Schäferhund Russi zeigt Marc, wie er schlafend im Schnee liegt. Wie auch auf anderen Werken reduziert der Maler den farblichen Kontrast zwischen Tier und Umgebung auf ein Minimum. Der schlanke Körper des Hundes ist nach kubistischer Art aufgefasst, ohne freilich malerisch in einzelne Elemente aufgelöst zu werden. Sie bilden vielmehr ein Ganzes.
Aber die organischen Linien wurden aufgegeben zugunsten einer vereinfachten, an geometrischen Figuren angelehnten Gestaltung. Das Bildformat folgt dem langgestreckten Hundeleib, die Darstellung schmiegt sich dem Dargestellten gleichsam an. So wie der Hund offenbar aufs beste mit seiner kalten Umwelt zurechtkommt. Er scheint dafür ausgestattet zu sein. Und in völligem Einklang mit der kargen, weißen Welt zu leben, in die der Künstler ihn versetzt hat.