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Liebieghaus wiedereröffnet : Neue Räume für Körperkult und Innerlichkeit

Heilige Männer: Kirchenväter von Hans Bilger, um 1475 Bild: F.A.Z. - Wolfgang Eilmes

Nach fünfeinhalb Monaten Umbauzeit ist das Frankfurter Liebieghaus, das sich jetzt „Liebieghaus Skulpturensammlung“ nennt, wiedereröffnet worden. Die Welt der Skulpturen ist bunter geworden.

          Die Antike bleibt vorerst verschlossen. Die Kernabteilung des Liebieghauses, das seit Max Holleins Leitungsübernahme nicht mehr auf den Namen eines Museums alter Plastik hört, sondern als „Liebieghaus Skulpturensammlung“ firmiert, wird erst Ende Mai wieder zugänglich sein, wenn es in einer Ausstellung um „Die Launen des Olymp“ geht.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Jetzt aber wurde erst einmal der Teil der Sammlungsräume wiedereröffnet, in denen sich die Bildhauerwerke des Mittelalters, der frühen Neuzeit, des Barock und des Klassizismus nebst den Arbeiten aus Ostasien finden. Zudem wurden in der 1896 vom Münchener Architekten Leonhard Romeis für den Textilfabrikanten Heinrich Baron von Liebieg erbauten Villa neue Räume für das Publikum geöffnet: Wo früher im Dachgeschoss die Mitarbeiter des Museums forschten, wird nun eine Mischung aus großbürgerlicher Lebenswelt der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und zur Muße einladendem Ambiente mit edel drapierten Ausstellungsstücken geboten.

          Es gibt noch etwas anderes als Zahlen und Tabellen

          Hier lässt sich zwar auch intellektuell, vor allem aber atmosphärisch erfahren, dass es zum Selbstverständnis wie zum Gefühlshaushalt der auch in früheren Zeiten schon kosmopolitisch ausgerichteten Bürger Frankfurts gehörte, ästhetisch Wertvolles zu sammeln, es sich anzueignen und entsprechend zu präsentieren.

          Leuchtkraft: Vor roter Wand wirken auch weiße Plastiken farbiger

          Auch das Turmzimmer ganz oben ist nun für die Öffentlichkeit erreichbar, ebenso das ehemalige Büro des Museumsdirektors mit seiner südlich anmutenden Loggia. Die Ausstattung dieser Räume mit ihrer dunklen Holzverkleidung hat den Zeitläuften getrotzt, selbst die Türstürze haben sich wiedergefunden, so dass jetzt ein authentischer Zustand hergestellt werden konnte.

          „Studioli“ nennen die Verantwortlichen diesen Trakt, angelehnt an die prächtig ausgestatteten, mit Intarsien verkleideten, aber recht kleinen Studierstuben, in die sich die rauflustigen italienischen Renaissancefürsten zum Zwecke des geistigen Genusses zurückzogen. Übertragen auf die demokratischen Verhältnisse und die Finanzmetropole, kann dies nur bedeuten, dass alle, die Tag für Tag um höhere Rendite kämpfen, sich dann und wann im Liebieghaus darauf besinnen können, dass es noch etwas anderes gibt als Zahlen und Tabellen. Ein neues Publikum soll schließlich für das Museum mit den dreidimensionalen Kunstwerken erschlossen werden. Und mit der Meinung wird gründlich aufgeräumt, hier handele es sich um eine verstaubte Einrichtung.

          Jede Plastik wird ein Individuum

          Die neuen Farben und das gänzlich veränderte Licht lassen einen solchen Eindruck auch nicht aufkommen. Wo früher manches fahl wirkte und vor dem fast durchgängig weißen Hintergrund erblasste, kommen jetzt auch längst ins Unsichtbare tendierende Bemalungen auf alten Skulpturen wieder zum Vorschein. Alles wirkt bunter. Das liegt unter anderem daran, dass die Wände der einzelnen Säle in unterschiedlichen Farben gestrichen sind – da ein warmes Grau, da ein dunkles Blau, dann wieder ein samtenes Rot oder ein tiefes Grün.

          Die Objekte sind nicht mehr einem diffusen Licht ausgeliefert, in denen eines wie das andere in ernster Blässe vor sich hin brütete, sondern werden von Strahlern in Position gesetzt. Jedes Werk für sich. Energiesparlampen sorgen mit ihrer punktgenauen Ausrichtung gemeinsam mit dem farbigen Wandanstrich für einen überraschenden Effekt: Jede Plastik wird ein Individuum, Farben und Formen gewinnen an Deutlichkeit. Außerdem wurde die Zahl der Exponate reduziert, ohne dass man den Eindruck hätte, der Horror vacui drohe.

          Die Stücke freilich, die dem Besucher ans Herz gewachsen sind, sind allesamt wieder versammelt. Zum Beispiel Anticos Apoll von Belvedere, der mit seinem Körper gewiss Kult treibt, wie es auf einem der neuen Werbeplakate forsch vom ganzen Liebieghaus behauptet wird. Oder der heilige Abt aus der Mittelaltersammlung, in dem man den idealtypischen Ausdruck dessen zu erkennen glaubt, was einmal durchaus unverächtlich „deutsche Innerlichkeit“ genannt wurde. Das Mittelalter hat überhaupt mehr Platz bekommen, der gesamte östliche Galerientrakt ist ihm jetzt vorbehalten, wo die „schönen Madonnen“ vor azuritblauen Wänden erstrahlen. Auch die Alabasterfiguren des Rimini-Altars meint man so auf eine ganz ungewohnte Art zu sehen.

          3000 Exponate aus fünf Jahrtausenden

          Am Ende des Galerietrakts, wo das Ausstellungsgebäude in die Villa übergeht, bilden Andrea della Robbias monumentale Majolikaaltäre gleichsam das Scharnier. Während der Umbauzeit musste einer der schweren Altäre zum anderen finden, allein diese Bewegung hat Wochen in Anspruch genommen.

          Aus dem Obergeschoss der Villa sind die Arbeiten der ostasiatischen Sammlung ins Untergeschoss des Ausstellungsgebäudes gezogen, während die Mitarbeiter, die aus dem Dachgeschoss weichen mussten, jetzt dort arbeiten, wo einst die Buddhas in sich hinein lächelten. Die Abteilungen Renaissance bis Rokoko sind jetzt vollständig im Untergeschoss der Liebieg-Villa untergebracht.

          3000 Exponate aus fünf Jahrtausenden besitzt das Museum. Es ist damit keineswegs eine der großen Skulpturensammlungen. An der Qualität ihrer Objekte aber gibt es keinen Zweifel. Hervorgegangen aus einer Reihe privater Sammlungen, die sich allesamt dem bürgerlichen Fleiß verdanken und nicht der fürstlichen Schatulle, ist das Liebieghaus zudem eine typisch Frankfurter Institution. Ihr neuer Anstrich steht ihr gut.

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