23.05.2008 · Die klassische Antike ist nicht weltabgewandt, sondern mittendrin: Das renovierte Frankfurter Liebieghaus eröffnet mit der Athena-Schau den Flügel für das Altertum. Auch in i-Pod ist Teil der Schau.
Von Michael HierholzerTiefrot sind die Wände der Räume gestrichen, in denen es um höchst grausame „Launen des Olymp“ geht. Die göttlichen Lichtgestalten gelüstete es nach Blut, wenn weniger himmlische Wesen es ihnen gleichtun oder sie gar übertreffen wollten. Im Fall des Mythos von Athena, Marsyas und Apoll muss das Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock, das in den Darstellungen aber weit mehr menschliche als tierische Anteile hat, seine hohe Begabung für das Flötenspiel mit dem Tod durch Häutung bei lebendigem Leib büßen. Das war die Strafe, die Apoll verhängt hat, nachdem bei einem Wettstreit zutage getreten war, dass der Silen Marsyas, einer aus dem wilden Gefolge des Dionysos, musikalischer war als er selber. Um den Schein zu wahren, hat Apoll kurzerhand die Regeln so geändert, dass sein Konkurrent keine Chance hatte.
Mit herkömmlichen Vorstellungen einer hehren klassischen Antike, mit den ins Bildungsbürgertum tief eingesunkenen Ideen von „stiller Einfalt und edler Größe“ bricht die Schau, die jetzt zur Wiedereröffnung die Antikensammlung des Liebieghauses zu sehen ist. Die hier sichtbare Wendung ist Programm. Die Klassik ist nicht so klassisch: Dies herauszustellen wird sich die renommierte Institution künftig verstärkt bemühen. Am 1. Oktober vorigen Jahres war das Museum alter Plastik, das sich seit Max Holleins Übernahme der Leitung „Liebieghaus Skulpturensammlung“ nennt, geschlossen worden. Ein umfangreicher Umbau begann.
Schritt für Schritt in einen Mythos
Am 13. März ist das Haus teilweise für das Publikum wieder zugänglich geworden - mehr Farbe und anderes Licht, eine neue Aufstellung und die Öffnung bisher den Mitarbeitern vorbehaltener Räume in der Villa des Textilbarons fanden beim Publikum großen Anklang. Nun weht der neue Geist, der punktuelle Beleuchtung ebenso wenig scheut wie bunte Kontraste, auch durch den Flügel, der dem Altertum vorbehalten ist. Und bringt es überraschend nah an die Gegenwart heran.
Nicht mehr wird eine Ästhetik des Außergewöhnlichen, Weltabgewandten, Erhobenen und Erhabenen beschworen, es werden nicht länger ideale Maße und Menschenbilder in den Mittelpunkt gerückt, sondern die Fülle des Lebens, die Gegensätze des Daseins, die Anwesenheit von Schönheit und Brutalität gleichermaßen. Die Ausstellung führt Schritt für Schritt in einen Mythos ein, der dem Publikum in der Antike vertraut war und dem Frankfurter Publikum zumindest bekannt vorkommen muss. Man solle sich in die Betrachter von damals hineinversetzen können, sagte Vinzenz Brinkmann, der Leiter der Antikensammlung, bei der Eröffnung. Und kam nicht umhin, von einer „Sensation“ zu sprechen.
Es gilt nämlich eine Wiedervereinigung der besonderen Art zu feiern: Der Frankfurter Athena ist ihr ursprünglicher Partner beigesellt, der eigentlich ihr Widerpart ist, der Vertreter einer anderen als der olympischen Welt. Zum ersten Mal seit zweitausend Jahren, sagte Brinkmann, seien die beiden Statuen aus der vom griechischen Bildhauer Myron geschaffenen Skulpturengruppe der Athena und des Marsyas wieder gemeinsam zu erleben. Allein dies lohnt schon einen Besuch der bemerkenswerten Schau, in der 70 Skulpturen aus internationalen Sammlungen zu sehen sind und mehrere zurückhaltende Installationen sowie die Präsentation antiker Musikinstrumente zum Verständnis der Bildprache auf antiken Reliefs und Vasen beitragen. Die Ausstellungsmacher setzen auf Klarheit: So stehen in einem Raum Gestalten aus der Welt des Dionysos denen aus der Welt des Apoll schroff gegenüber.
Auch ein i-Pod Teil der Schau
Im fünften Jahrhundert vor Christus hat Myron den Augenblick dargestellt, in dem die Göttin die von ihr erfundene Doppelflöte wegwirft, weil sie soeben durch einen Blick auf ein spiegelndes Gewässer entdeckt hat, wie das Spiel ihr Gesicht entstellt. Und er hat noch einen anderen, im Mythos zeitlich versetzten Moment festgehalten, nämlich jenen, als der Silen Marsyas das Instrument findet und seiner Überraschung über diesen Fund Ausdruck verleiht. Die Athena des Myron oder vielmehr: eine römische Kopie dieses Werks ist seit langem das Glanzstück der Liebieghaus-Kollektion. Nun steht ihr der Marsyas aus den Vatikanischen Museen zur Seite, ebenfalls eine Nachbildung aus römischer Zeit - in dieser Form ist uns die griechische Kunst der Antike überliefert worden, Originale sind äußerst selten. Dass es gelungen ist, Marsyas aus dem Vatikan nach Frankfurt zu lotsen, ist ein Coup: Mit Leihgaben geizt das päpstliche Institut üblicherweise, das auf Gegengeschäfte nicht angewiesen ist, schließlich zieht es Tag für Tag die Massen auch ohne Sonderausstellungen an.
Um so erstaunlicher, dass das einst an prominenter Stelle auf der Athener Akropolis aufgestellte Figurenensemble nun als römische Nachbildung im Frankfurter Liebieghaus zu besichtigen ist. Aber es gibt noch mehr Überraschungen. Den Sarkophag etwa aus dem Louvre, auf dem die gesamte Geschichte mit allen Beteiligten dargestellt ist. Oder die Medici-Gemme aus Neapel mit dem Bildnis des schon an den Baum gebundenen Marsyas, die Botticelli seiner weiblichen Idealgestalt um den Hals gehängt hat - das Gemälde aus dem Städel ist für die Dauer der Ausstellung im Liebieghaus zu besichtigen. Die Antike hat die Schindung des Silens nicht dargestellt, wohl aber die Situation unmittelbar vor der Häutung. Die brutale Handlung selbst zu zeigen war späteren Zeitaltern vorbehalten Und der Mythos wirkt bis heute nach. So ist auch ein „iPod“ Teil der Schau, auf dem ein Robbie-Williams-Video läuft, in dem sich der Pop-Sänger die Haut vom Leib reißt.