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Leopold Sonnemann Der Musterbürger

27.10.2009 ·  Frankfurt verdankt ihm den Palmengarten und die Alte Oper. Dennoch kennen nur wenige Leopold Sonnemann. Eine Ausstellung erinnert nun an den großen Frankfurter Demokraten.

Von Hans Riebsamen
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Leopold Sonnemann ist ein Vergessener. Obwohl die Frankfurter täglich an seinen Werken vorbeigehen: am Palmengarten, am Frankfurter Hof. Über eine seiner Schöpfungen, den Eisernen Steg, laufen sie sogar. Doch kaum einer der Alteingesessenen und schon gar nicht die Eingeplackten wissen, dass Sonnemann der Spiritus Rector all dieser und noch zahlreicher weiterer Frankfurter Einrichtungen war. Allenfalls ist Lesern der F.A.Z. bekannt, dass Leopold Sonnemann die „Frankfurter Zeitung“ gegründet hat, das Vorgängerorgan der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Einen „Mentor“ des modernen Frankfurts nennt Jürgen Steen, einer der drei Kuratoren der Ausstellung „Frankfurts demokratische Moderne und Leopold Sonnemann“, den in Vergessenheit geratenen Tausendsassa. Mit der Schau im Historischen Museum hat Steen vor seinem Ausscheiden in den Ruhestand noch eine Gedenksäule für Sonnemann errichtet. Sie wird ihn hoffentlich so ins öffentliche Bewusstsein bringen, wie dies das von Sonnemann durchgesetzte Einheitsdenkmal auf dem Paulsplatz für die demokratische Freiheitsbewegung von 1848 bis heute tut.

Demokratisierung von unten

Warum ist Sonnemann aus dem Gedächtnis der Frankfurter verschwunden? Gewiss mag die Geschichtsklitterung der Nationalsozialisten, die einen Juden wie Sonnemann aus den Annalen zu verbannen suchten, noch nachwirken. Doch stärker fällt ins Gewicht, dass die Lokalhistoriker Frankfurts „Sprung in die Moderne“ ganz mit den Namen der beiden Oberbürgermeister Johannes von Miquel und Franz Adickes verbunden haben.

„Jude, Verleger, Politiker, Mäzen“ lautet der Untertitel der Ausstellung. Wobei Sonnemann wenig erfreut darüber gewesen wäre, dass „Jude“ an erster Stelle steht, denn er betrachtete Religion als Privatangelegenheit. Man hätte die obenerwähnte Liste gut und gern verlängern können mit den Bezeichnungen Bankier, Tourismusförderer, Elektrifizierer, Brückenbauer, Stifter, Polytechniker – und natürlich Demokrat. Sonnemann, tief geprägt von den Ideen der Französischen Revolution, ist immer für eine Demokratisierung von unten eingetreten, der preußische Autoritarismus war ihm nicht erst seit der Okkupation Frankfurts durch preußische Truppen im Jahr 1866 ein Greuel.

Zuchthaus in Ziegenhain

Er verabscheute Bismarck und dieser ihn. Als die Preußen Frankfurt besetzten, schickten sie als Erstes ihre Häscher zur Redaktion der „Frankfurter Handelszeitung“, wie Sonnemanns Blatt, das mit seiner liberal-demokratischen Haltung den späteren Reichskanzler häufig bis aufs Blut gereizt hatte, damals noch hieß. Doch der Vogel war ausgeflogen. Der Verleger Sonnemann hatte sich nach Stuttgart abgesetzt, wo er unverzüglich die „Neue Deutsche Zeitung“ gründete. Als er zurückkehren durfte, benannte er die Handelszeitung in „Frankfurter Zeitung“ um. Bis zum ihrem Verbot durch die Nazis im Jahr 1943 war sie eine der führenden Zeitungen Deutschlands.

Finanziert hat Sonnemann die Investitionen in das Blatt mit dem Geld, das er als Bankier verdient hatte. Viel weiß man nicht mehr über die von ihm gegründete Bank, nur dieses, dass er mit ihrer Hilfe ein Vermögen verdienen konnte, das ihn in seinem späteren Leben finanziell unabhängig machte und ihm erlaubte, sich ganz der Politik und dem Gemeinwohl zu widmen. Die Zeitung war anfangs ein arges Verlustgeschäft, das in der Ausstellung vorliegende Bilanzkonto weist für 1866 ein beträchtliches Minus aus. Auch während der vorangegangenen Jahre hatte die Bilanz nicht besser ausgesehen. Von den siebziger Jahren an trug sie sich finanziell, wenngleich sie immer am Rande eines Verbots stand. 1877 ging gegen Sonnemann der zweitausendste Strafantrag ein. Auf einer Karikatur von Stoltzes „Frankfurter Latern“ schwenkt zu diesem Anlass der Verleger Sonnemann eine Fahne mit der Aufschrift „Hurrah Ziegenhain“. Die Zeitgenossen wussten, dass Frankfurter Delinquenten – darunter nicht wenige Redakteure der „Frankfurter Zeitung“ – im Zuchthaus in Ziegenhain ihre Strafe absitzen mussten.

Entwicklung Frankfurts

Als Einziges an der Ausstellung im Historischen Museum zu bemängeln ist ihr wenig eingängiger Titel. Aufgebaut ist die Schau dagegen überaus klug. Aus der Jugendzeit Sonnemanns in Höchstadt bei Würzburg, abgehandelt in einem Vorraum, tritt man ein in das Frankfurt des Musterbürgers Sonnemann, dargestellt als eine Art Universum mit Sonnemanns Tagebüchern in der Mitte.

Um sie lagert sich ein Kreis, eingeteilt in sechs Tortenstücke, die jeweils eine andere Facette Sonnemanns darstellen: den Juden, den Bankier, den Verleger, den Abgeordneten, den Mäzen und Stifter, den Demokraten. Auf der äußeren Umlaufbahn am Rande des Ausstellungsraums wird die Entwicklung Frankfurts zur Lebenszeit Sonnemanns abgehandelt. In einer Art „Kunstkammer“ in einem zweiten Nebenraum sind die Kunstwerke zu sehen, die Sonnemann gestiftet hat. Auf diese Weise haben Steen und seine Mitkuratoren Anna Schnädelbach sowie Michael Lenarz vom Jüdischen Museum das reichhaltige Material sinnvoll gegliedert. Wenn die Frankfurter jetzt ihren Sonnemann nicht ins Gedächtnis zurückholen, ist ihnen nicht zu helfen.

Die Ausstellung „Frankfurts demokratische Moderne und Leopold Sonnemann“ ist vom 29. Oktober bis zum 28. Februar im Historischen Museum Frankfurt zu sehen. Der empfehlenswerte Katalog des Societäts-Verlags kostet 24,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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