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Leere Büroflächen Kultur im Off-Space statt Leerstand

03.06.2009 ·  Rund 1,5 Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen in Frankfurt leer – Künstler suchen Räume. Eine Lösung: Zwischennutzungen.

Von Rainer Schulze, Frankfurt
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„Auch in Berlin kann man verzweifeln.“ Riccardo Ibba und Daniel Hartlaub zieht es nicht in die Hauptstadt. Denn was sie vorhaben, gebe es dort „an jeder zweiten Ecke.“ Seit drei Monaten suchen Ibba, der in Wiesbaden zum Schauspieler ausgebildet wurde, und der Filmemacher Hartlaub, der an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studiert hat, nach einer mindestens hundert Quadratmeter großen Nische im Bahnhofsviertel. Theater und Performance wollen sie dort zeigen, Kunst soll an den Wänden hängen, und in einer Bar sollen die Besucher den „Arbeitsschweiß der Künstler“ riechen können, heißt es im Konzept. Damit sich die Nachbarn nicht beschweren, falls es mal lauter wird, sollte es am besten keine geben. Eine wichtige Bedingung komplettiert den Wunschzettel: Bezahlbar sollten die Räume auch sein. Bisher verlief die Suche ohne Erfolg. „Dabei steht so viel leer“, sagt Ibba.

Rund 1,5 Millionen Quadratmeter Bürofläche werden in Frankfurt derzeit nicht genutzt. Nicht nur in der Bürostadt Niederrad, wo ein Drittel aller Räume auf neue Mieter wartet, auch in der Innenstadt. Der frühere Bundesrechnungshof an der Berliner Straße etwa dämmert seit zehn Jahren ungenutzt vor sich hin. Das Polizeipräsidium am Platz der Republik wartet auf einen Investor, der dort ein Hochhaus errichtet. Die Liste ließe sich fortsetzen.

„Kulturelle Zwischennutzungen wären mindestens eine Übergangslösung“

Für Gregor Maria Schubert und Ralf Barthelmes sind Leerstände eine Verheißung. Sie sind mit der Kamera durch die Straßen gegangen und haben einen Blick auf die Klingelschilder geworfen. Oft entdeckten sie ihre Motive, die noch bis Sonntag im Künstlerhaus Mousonturm ausgestellt sind, erst auf den zweiten Blick. In der Ausstellung „Empty Space“ sind Gebäude zu sehen, die zu mindestens drei Vierteln leerstehen. Die Fotografien erinnern nicht nur an die Vergangenheit, sondern lassen ahnen, was in den Gebäuden möglich wäre. Denn bis der Investor kommt, auf den die Eigentümer sehnsüchtig warten, ließen sich die Räume anders füllen. „Kulturelle Zwischennutzungen wären mindestens eine Übergangslösung“, sagt Schubert, der als Mitinitiator der Freitagsküche und des Filmfestivals „Lichter“ auf diesem Gebiet Erfahrungen hat. „Aber ich glaube, Frankfurt verträgt nur ein gewisses Maß an Off-Space. So groß ist die Stadt nicht, dass sie fünf Mal Lola Montez braucht“, sagt Schubert und meint damit den alternativen Kunstverein in einer Lagerhalle an der Breiten Gasse.

An leerstehenden Gebäuden haben weder der Eigentümer noch die Umgebung ein Interesse. Denn sobald Gebäude brachliegen, ziehen sie Probleme an. Die Tristesse färbt auf die Umgebung ab, Angsträume können entstehen und ein ganzes Viertel hinabziehen. Viel Aufwand ist für eine Zwischennutzung nicht nötig. Freie Künstlergruppen bevorzugen ohnehin Räume, die selbst hergerichtet werden können. Alte Industriebauten, wie es sie in Berlin häufig gibt, sind allerdings selten, Frankfurt gilt als „durchsaniert“.

Kulturschaffende sind auf Privateigentümer angewiesen

Bei der Stadt rennen an einer Zwischennutzung interessierte Künstler offene Türen ein. „Ich bemühe mich immer, Künstler unterzubringen“, sagt der Leiter des Liegenschaftsamtes, Alfred Gangel. Freie Flächen aber hat er derzeit nicht zur Verfügung. Die Stadt hat auch schlechte Erfahrungen mit Zwischennutzern gemacht. Nicht nur an der Varrentrappstraße in Bockenheim, wo die selbsternannte Kulturinitiative „Faites votre jeu“ ein Gebäude besetzte, das der Schule für Bekleidung und Mode vorbehalten war, und die Stadt schließlich erpresste. Der Sprecher des Planungsdezernats Mark Gellert ist vorsichtig geworden: „Zwischennutzungen können zu Dauernutzungen werden und Probleme schaffen.“

Da der Stadt die Flächen ausgehen, sind Kulturschaffende auf Privateigentümer angewiesen. An leeren Räumen fehlt es denen ebenso wenig wie an Misstrauen. Einige Projektentwickler haben aber erkannt, dass sie mit einer kulturellen Zwischennutzung etwas für ihr Image tun können. Das Unternehmen Vivico hat den Mietvertrag für das Atelier Frankfurt und die Freitagsküche im Europaviertel verlängert. Neben der Baustelle zum Hochhaus T 185 bleiben sie vorerst bestehen. Vivico wirbt inzwischen mit seinen unkonventionellen Mietern und der Belebung des Viertels.

Detektivarbeit für den passenden Ort

Anders als etwa in Berlin gibt es in Frankfurt keine Agentur, die sich um die Vermittlung von geeigneten Räumen kümmert. Um dem Eigentümer leerstehender Gebäude auf die Spur zu kommen, ist mitunter Detektivarbeit nötig. Interessenten streifen durch ein Viertel und erkundigen sich in der Nachbarschaft nach dem Besitzer. Oder sie wenden sich an Leute, die sich auskennen. Die Initiative Raumpool hat früher Räume vermittelt und ist in der Ateliergemeinschaft Basis aufgegangen. Für die beiden Häuser des Vereins, in denen 120 Künstler ein Arbeitszimmer gefunden haben, sind die Wartelisten lang. Basis unterstützt die Künstler auch mit erprobten Mietvertragsmodellen.

Eine neue Initiative ist von dem Architekturbüro bb22 ins Leben gerufen worden. In der Reihe „Umbaubar“ werden jeweils mittwochs im Quartiersbüro an der Moselstraße die Gestaltung des Bahnhofsviertels und Projekte für attraktiveres Wohnen dort vorgestellt. Der Architekt Felix Nowak ist der Ansicht, dass alle Beteiligten von einer Zwischennutzung profitieren. „Ein Gebäude lebt davon, dass es genutzt wird“, sagt er. „Das ist dann eine Adresse, die etwas zu erzählen hat.“

Dass es für die Stadt immer wichtiger werde, sich als Kreativstandort zu etablieren, glaubt der künstlerische Leiter von Basis, Jakob Sturm. „Von dieser Klientel gehen Impulse aus“, sagt er. Im Wettbewerb um die Kreativen muss sich Frankfurt anstrengen. Denn die Konkurrenz lauert nicht nur in Berlin, sondern schon auf der anderen Mainseite. In Offenbach, das manche anerkennend „Frankfurts Kreuzberg“ nennen, herrscht durch die Hochschule für Gestaltung ein anderes Klima. Noch verlassen die Absolventen Offenbach meist. Der Filmemacher Hartlaub kennt die Richtung: „Wenn nicht Berlin, dann Frankfurt.“

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