23.10.2011 · Künstlerin in Gefahr: Die Frankfurter Galerie Anita Beckers zeigt Arbeiten von Laurel Nakadate. Es ist die erste Einzelausstellung der Amerikanerin in Deutschland.
Von Christoph SchütteMut hat sie ja. Ihn muss man Laurel Nakadate lassen. Denn ganz gleich, ob sich die amerikanische Künstlerin für "Lucky Tiger" selbst in Pin-up-Posen vor der Kamera inszeniert und die Abzüge an zahlreiche Männerhände weiterreicht, die ihre von Farbe und Schweiß verschmierten Fingerabdrücke auf den Bildern hinterlassen, ob sie an Tankstellen, Supermärkten und auf der Straße alleinstehende Typen anspricht und nach Hause begleitet oder einem wildfremden Mann Modell sitzt und ihn dabei filmt: Nakadates Kunst, die derzeit in der Frankfurter Galerie Anita Beckers (Frankenallee 74) zu entdecken ist, lebt wesentlich vom Risiko. Von performativen Situationen mit ungewissem Ausgang.
Dass sich die 1975 in Texas geborene Künstlerin in ihren Foto- und Videoarbeiten gerne als verführerische Lolita inszeniert, hat ihrem erst unlängst mit einer großen Ausstellung im New Yorker P.S.1 dokumentierten Erfolg im Kunstbetrieb sicher nicht geschadet. Ihre Themen aber sind nicht Voyeurismus und das Spiel mit Klischees. Derlei ist ihr vornehmlich künstlerisches Mittel, weniger Inhalt als Form. Was Nakadate interessiert, sind vielmehr prinzipielle, nachgerade klassische Fragen wie die nach Macht und Ohnmacht, Verführung und Liebe, Einsamkeit, Trauer und Sehnsucht, die sie in den Performances, die ihren Arbeiten ausnahmslos zugrunde liegen, mal mit sich allein, mal mit fremden Menschen spielerisch verhandelt.
Je offener die Situation, desto unmittelbarer berühren gerade ihre Videos den Betrachter. Insofern mag man ihrem derzeitigen Ehrgeiz, künftig Filme in Spielfilmlänge mit professionellen Schauspielern zu drehen, mit gemischten Gefühlen entgegensehen. Zwar geht es der New Yorker Künstlerin immer auch um das Geschichtenerzählen. Was ihre Videos trägt, ist aber kein Drehbuch, sondern kaum mehr als ein Konzept. Und das Vertrauen auf den Prozess. Die stärksten Arbeiten in Nakadates erster Einzelausstellung in Deutschland sind denn auch jene, in denen die konzeptuellen Vorgaben Geschichten eher anstoßen, als diese zu erzählen.
Wenn sie für "Lucky Tiger" gleichsam ihren Körper betatschen lässt oder sich für "A Catalogue Of Tears" aus dem vergangenen Jahr ein Jahr lang jeden Tag weinend fotografiert, um, so die Künstlerin, all den Fotos auf Myspace oder Facebook, "auf denen alle Menschen den Eindruck erwecken, jeden Tag glücklich zu sein", einen Moment echter Traurigkeit und mithin authentischen Gefühls entgegenzusetzen, dann ist das konzeptuell gleichermaßen schlicht gedacht wie überzeugend.
Denn was man sieht auf diesen Bildern, hier ein fleckiges, im Grunde aber harmloses Pin-up-Foto, dort die weinende Künstlerin in ihrer Wohnung, im Hotel oder auf dem Bett in ihrem alten Kinderzimmer, ist im Kern nur die Oberfläche dessen, was sie in Wahrheit zeigen. Was man nicht sieht - den sich mal über Stunden, mal über Tage oder eben über ein ganzes Jahr dehnenden künstlerischen Prozess, die Intimität der performativen und nur schwer zu kalkulierenden Situation, Scham vielleicht und das Versinken in der Traurigkeit, bevor die Kamera den tränenreichen Augenblick in einem Bild erfasst - all das ist diesen Bildern spürbar eingeschrieben. Und macht den nachhaltigen Reiz von Nakadates Kunst erst aus.