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Landesmuseum Mainz : "Vegetarier hätten in der Steinzeit keine Chance gehabt"

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Die kleine Johanna nimmt sich einen Klumpen Brotteig aus der Schüssel und formt ihn zu einem Brötchen. Auf einem großen flachen Reibstein mahlt sie mit einem kleineren rundlichen Stein, der in ihre Hand paßt, noch ein paar Getreidekörner.

          Die kleine Johanna nimmt sich einen Klumpen Brotteig aus der Schüssel und formt ihn zu einem Brötchen. Auf einem großen flachen Reibstein mahlt sie mit einem kleineren rundlichen Stein, der in ihre Hand paßt, noch ein paar Getreidekörner. Mit dem Mehl bestäubt sie ihr Brötchen, damit der Teig nicht mehr klebt, und streut anschließend ein paar Fenchelsamen und getrocknete Kräuter darüber. Rund um den Lehmofen wuseln Kinder mit ihren ungebackenen Brötchen in der Hand herum. Sie beteiligten sich an den Aktionstagen, die das Landesmuseum Mainz zu seiner Ausstellung "Leben und Sterben in der Steinzeit" anbietet.

          Der Museumsmitarbeiter Uli Valnion hebt die dicke Steinplatte von der Ofenöffnung weg, holt die fertig gebackenen Brötchen heraus und legt die nächsten hinein. Daß dieser Ofen 800 Grad heiß ist, kann sich Felix, neun Jahre alt, nicht vorstellen. Selbst Brot gebacken hat er auch noch nie, und von zu Hause kennt er nur Aufbackbrötchen. Der Hobbyarchäologe und ehrenamtliche Mitarbeiter Udo Mosbacher hilft Valnion am Ofen, neben dem Birken- und Buchenscheite aufgehäuft liegen. "Die erste Partie Brötchen ist uns verbrannt, weil der Ofen zu heiß war. Hier gibt es nun einmal kein Knöpfchen zur Regulierung der Temperatur", erzählt Valnion, der sich am Bau des steinzeitlichen Ofens beteiligt hatte: Auf einem Gerüst aus Haselstrauchzweigen, die bogenförmig angeordnet sind, hat er ein Gemisch aus gestampftem Strohhäcksel, Lehm und Wasser verteilt, bis es eine Dicke von mehr als zehn Zentimetern hatte.

          Die drei Freunde Paul, der acht Jahre alt ist, und Leo und Micha, beide neun Jahre alt, sind Nachbarn und kommen aus Mainz-Kastel. Der Führung durch die Ausstellung haben sie sich entzogen, lieber schauen sich die Jungen in der "Aktionshalle" um, wo schon von weitem lautes Hämmern zu hören ist. Jeder steht vor einem kleinen Sandsteinblock und raspelt, schlägt und schleift ein Stück Schiefernplatte zu einer Pfeilspitze. Zwischendurch kontrollieren sie immer wieder, wie spitz ihre Pfeile sind. "Es dauert aber ganz schön lange, bis das fertig ist", stöhnt Micha. Seine Schwester steht wenige Meter weiter und bastelt eine Kette aus Muscheln, die auf ein Lederbändchen aufgefädelt werden. Dazu bohrt sie auf dem Sandsteinblock an einer Stelle ein Loch in die Muschel. Auch einige Erwachsene sind eifrig bei der Sache. Alessandra Ceruti, Buchhändlerin aus Neu-Isenburg, schleift eine Muschel: "In jedem von uns steckt doch ein Steinzeitmensch." Das Wochenende, an dem sich im Landesmuseum Mainz alles um "Experimentelle Archäologie" dreht, fasziniert in der Tat sowohl Kinder als auch die ältere Generation, viele Familien sind gekommen.

          Sie betrachten auch, was die Experimentalarchäologin Anne Reichert mitgebracht hat: Sie ist Fachfrau für Rekonstruktionen nach bronzezeitlichen Funden, die mehr als 5000 Jahre alt sind, wie beispielsweise der "Ötzi". Die Ettlingerin präsentiert orginalgetreu nachgebaute Funde, zum Beispiel die Schuhe des "Ötzi". Diese bestehen aus einem Innenschuh, der eine Bärenfellsohle hat und mit einem Geflecht aus Schnüren eine Isolierschicht aus Gras und Moos zusammenhält, darüber wärmt ein Außenschuh aus Oberleder und Hirschfell. Reichert zeigt ein paar Besucherinnen einen nach steinzeitlichen Vorbildern angefertigten Spinnwirtel, das ist ein glatter Stock mit einem Stein als Gewicht, mit dem Fasern, Gräser und Binsen gesponnen wurden.

          "Ist das ein Fuß?" fragt ein kleines Mädchen einen Stand weiter den Archäotechniker Eckhard Czarnowski. Ihr älterer Bruder bemüht sich indes, mit einem kleinen Messerchen, die Sehne des Mittelfußknochens einer Kuh zu durchtrennen. Die Haut hat Czarnowski bereits fein säuberlich vom abgetrennten Bein der Kuh entfernt, sie liegt zum Trocknen an der Sonne, von Fliegen umschwirrt. Czarnowski, der in Freiburg seine Werkstatt hat, bietet in Freilichtmuseen und Schulen regelmäßig Workshops und Projekte an. Doch das im Mainzer Landesmuseum angebotene Wochenendseminar "Beinharte Tatsachen", bei dem Czarnowski den Teilnehmern beibringen wollte, wie man Tierknochen nach steinzeitlichen Methoden bearbeitet, fand nicht genug Nachfrage. Vielleicht, weil zur Knochenverarbeitung etwas ungewöhnliche Methoden gehören. Der Archäotechniker kaut sogar Tiersehnen, bis sie weich genug zur Weiterverarbeitung sind - seinen Seminarteilnehmern mutet er diesen Einsatz jedoch nicht zu. "Zimperlich durfte man in der Steinzeit nicht sein", gibt er zu, "Vegetarier hätten in der Steinzeit jedenfalls keine Chance gehabt." Besser als Erwachsene kämen Kinder in seinen Kursen zurecht, hat Czarnowski beobachtet: "Da ist die Hemmschwelle deutlich niedriger."

          An weiteren Ständen im Museumshof kann man sich ansehen, wie Feuersteine funktionieren, und sich im Wiederzusammenbauen zerschmetterter Blumentöpfe versuchen. Oder sich die Ausstellung "Leben und Sterben in der Steinzeit" mit ihrer großen Auswahl an Fundstücken noch einmal selbst besuchen: Von den Anfängen der menschlichen Technik und Kultur aus dem Eiszeitalter um 100000 vor Christi sind vor allem Schaber oder Faustkeile aus Quarzit, aber auch Pfeilspitzen und Tonscherben aus Vorratsgefäßen erhalten. (Themenführungen werden regelmäßig angeboten, die nächste ist am 29.Juli zum Thema "Jagen. Sammeln. Ernten. Steinzeitliche Eßkultur". Schulklassen können Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag an Führungen mit Workshops teilnehmen. Auch Wochenend-Workshops für Erwachsene sind im Programm; beim nächsten am 6. und 7.September stellen die Teilnehmer eine Speerschleuder her. Information und Anmeldung unter Telefon 06131/285736.) AMELIE PERSSON

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