30.03.2011 · Pauz Perdauz: Freya Hattenberger zeigt in der Frankfurter Galerie Lorenz ihre Fotoserie kunstvoll arrangierter Treppenstürze.
Von Christoph SchütteWenn man es nicht besser wüsste, müsste man Freya Hattenberger für ein wenig schusselig halten. Etwas unachtsam vielleicht auch nur, ungeschickt womöglich oder aber, schlimmer noch, eine Art künstlerischer Hans Guck-in-die-Luft, der – „Pauz! Perdauz“, wie es im „Struwwelpeter“ heißt – alleweil Gefahr läuft, sich den Hals zu brechen. „Metaphorical Staircase“ jedenfalls, so der Titel ihrer seit fünf Jahren kontinuierlich entwickelten Fotoserie, die derzeit in der Frankfurter Galerie Lorenz (Bockenheimer Landstraße 70) zu sehen ist, zeigt nichts als kunstvoll arrangierte Treppenstürze. Und wie in ihren Videos ist es auch hier stets Hattenberger selbst, die im Zentrum der Inszenierung steht.
Denn um Inszenierungen handelt es sich allenthalben in dem im Kern performativen Werk der 1978 in Offenbach geborenen Künstlerin. Und wiewohl man selbst die Orte – die Kölner Hohenzollernbrücke etwa oder das Musée des Beaux Arts in Nantes – nur schwerlich zu identifizieren vermag, ist nichts zufällig an diesen meist mit der Großformatkamera festgehaltenen Aufnahmen. Nicht der Raum und nicht die auf den ersten Blick alles andere als ungewöhnlich erscheinende Kleidung der Protagonistin, nicht die Haltung der offensichtlich kopfüber die Stufen herunter Gestürzten, noch das dem Betrachter ausnahmslos verborgen bleibende Gesicht.
Geschehen als metaphorisches Rätsel
Und schon gar nicht sind es die wenigen, leicht zu übersehenden Attribute, die, wie auf den Gemälden alter Meister, erst jene Spuren legen, die über das sich selbst erklärende Bild der Treppe hinaus das Geschehen als metaphorisches Rätsel ausweisen, das zu lesen mehr als nur einen flüchtigen Blick erfordert. Ein Globus, ein angebissener Apfel, hier ein himmelblauer Pullover, dort eine Tüte malerisch sich über das Grau des Betons ergießender Milch: es sind stets die Details, anhand deren sich das Vorgefallene – nicht unbedingt sogleich – erschließt. Die als Verweise aber Zugänge zu Geschichten eröffnen, die mit dem Sturz allenfalls beginnen. Oder aber ganz im Gegenteil gerade jetzt und hier zu einem unglücklichen Ende kommen. Denn wie soll man das wissen?
Es kann kein Zufall sein, wenn hier über der Protagonistin zärtlich transparente Seifenblasen schweben, dort die junge Frau in „Escalier de Gabriel“ selbst als eine Art gefallener Erzengel inmitten der Gemäldesammlung zu liegen kommt. Doch welche Botschaft sie hat überbringen wollen, welche Träume hier zerplatzen und welcher Sündenfall sich dort womöglich zugetragen hat, was also davor und was danach geschah – all das bleibt in jedem dieser Bilder irritierend offen.