Sie wollen einen Großteil Ihrer Sammlung in eine Stiftung mit der Stadt einbringen. Wieso fällt Ihre Wahl auf Aschaffenburg, obwohl Sie in Olpe in Nordrhein-Westfalen wohnen?
Ich habe in Aschaffenburg 2010 und dieses Jahr zwei ausgesprochen erfolgreiche Ausstellungen gehabt, und die Zusammenarbeit mit dem Museumsdirektor, Herrn Richter, und der Leiterin der Kunsthalle, Frau Ladleif, hat mir sehr gefallen. Die ganze Atmosphäre ist so, dass ich sagen kann: Hier könnte ich auf Dauer mein Lebenswerk unterbringen.
Wer oder was hat Sie so beeindruckt?
Die Stadt übt einen großen Reiz auf mich aus, weil man in Aschaffenburg von der Vor- und Frühgeschichte über das Mittelalter bis zum 19. Jahrhunderts die gesamte Kunst- und in Teilen auch die Kulturgeschichte nachvollziehen kann. Ich glaube, es gibt keine Stadt dieser Größenordnung, die so viel an toller Kultur bietet wie Aschaffenburg. Jetzt fehlt einfach die Fortschreibung ins 20. Jahrhundert, und genau das könnte ich mit meiner Sammlung bieten. Bestärkt fühlte ich mich vom Oberbürgermeister, der mir schon vor zwei Jahren gesagt hatte, ich solle mich möglichst zuerst an ihn wenden, wenn sich die Pläne eines „Zentrums für verfemte Künste“ in Solingen zerschlagen würden. Er hat mir gegenüber damals die Ansicht vertreten, dass meine Sammlung sehr gut in der Museumsmeile einen Platz finden könne.
Wie sieht Ihr Angebot an die Stadt aus?
Vorab möchte ich betonen, dass es mir um den Erhalt meines Lebenswerks geht. Die Sammlung darf nach Ansicht vieler Fachleute nicht auseinandergerissen werden. Vorsichtig geschätzt, haben die rund 3000 Kunstwerke, um die es für Aschaffenburg geht, einen Wert von mindestens fünf Millionen Euro. Die Hälfte davon bringe ich als Geschenk in die Stiftung ein. Da ich über 30 Jahre mein gesamtes Geld bis auf den letzten Cent in die Sammlung gesteckt habe und auch weiter vorhabe, mich um die Profilierung und den Ausbau zu kümmern, erwarte ich von der Stadt eine Einmalzahlung über 500 000 Euro, zahlbar durchaus in Tranchen, und danach eine monatliche Zahlung von 7500 Euro bis zu einem Höchstbetrag von zwei Millionen. Das bedeutet eine Laufzeit von mehr als 22 Jahren, aus meiner Sicht ein faires Angebot, das sich über einen sehr langen Zeitraum erstreckt und insgesamt einen Betrag von 2,5 Millionen Euro ergibt. Der beabsichtigte Schenkungsteil kann auch jenseits der drei Millionen Euro liegen; das wird erst eine detaillierte Auflistung zeigen.
Welche Vorstellungen haben Sie für die Präsentation Ihrer Sammlung in Aschaffenburg?
Mir ist bekannt, dass die Stadt in dem geplanten neuen Museumsquartier bislang den Schwerpunkt auf die Präsentation von Christian Schad legen will. Man kann den Schad-Nachlass als den eines einzelnen Künstlers nicht ohne weiteres mit meiner Sammlung vergleichen, in der mehr als 400 Künstlerinnen und Künstler mit Werken aus der Zeit von 1909 bis nach 1989 vertreten sind. Aber auch Schad war ein Künstler, der von den politischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts betroffen war, die ja im Mittelpunkt meiner Sammlung stehen. Ich bin der Meinung, dass sich sein Werk auf der einen Seite sehr gut mit meiner Sammlungsidee verbinden lässt, man ihn zum andern aber auch in einem eigenen Bereich als einen paradigmatischen Schwerpunkt darstellen kann. Mein Vorschlag an die Aschaffenburger läuft auf ein „Museum zum 20. Jahrhundert“ hinaus. Das hätte verschiedene Abteilungen, und eine Sparte wäre Christian Schad zu widmen. In jedem Fall lässt sich mit meiner Sammlung in und für Aschaffenburg ein Alleinstellungsmerkmal in der Museumslandschaft installieren.
Sie wollen eine Stiftung gründen, deren Träger Ihre Frau und Sie wären und die Stadt Aschaffenburg: Wer soll dort das Sagen haben?
Die wichtigsten Entscheidungen sollten mir zeitlebens schon vorbehalten bleiben. Meine Frau beschränkt sich auf eine beratende Funktion. Darüber hinaus ist es erforderlich, dass Fachleute wie Herr Richter oder Frau Ladleif auf jeden Fall in den Vorstand eingebunden würden. Letzten Endes geht es um eine Einrichtung, die auf Dauer existieren soll und im Ausstellungsbereich und organisatorisch verwaltet werden muss. Selbstverständlich sollen auch Vertreter des Stadtrats oder der Stadtverwaltung dem Vorstand beziehungsweise dem Kuratorium angehören.
Angenommen, es käme zum Streit: Wem gehört die Sammlung?
Eine Stiftung ist eine Schenkung an die Allgemeinheit. Wenn meine Sammlung in Aschaffenburg plaziert wird, dann bleibt sie auch dort auf Dauer. Eine Stiftungsurkunde, die bei der Bezirksregierung hinterlegt wird, kann im Grunde nicht geändert werden. Damit zum Beispiel in Notsituationen niemand auf die Idee kommt, Teile der Sammlung zu veräußern, würde ich in der Satzung festschreiben lassen, dass aus dem Kunstbestand der Stiftung heraus nichts verkauft werden darf.
Was sagen Sie zu dem Argument, es sei ein „schlechter Zeitpunkt“ für Ihr Angebot, da die Stadt sich auf das Museumsquartier mit dem Schad-Nachlass konzentrieren müsse?
Ich würde das Argument umdrehen und behaupten: Es hat noch nie einen so günstigen Zeitpunkt für ein Angebot an die Stadt Aschaffenburg gegeben. Ich erinnere nur daran, dass ihr in der Nachkriegszeit der Nachlass von Ernst Ludwig Kirchner angeboten worden war. Heute rauft man sich die Haare, weil den Kommunalpolitikern damals möglicherweise die Tragweite ihrer Entscheidung nicht hinreichend vermittelt werden konnte. Es ist mir unverständlich, dass man 22 Millionen Euro in ein neues Museumsquartier investieren will und auf die Länge der Zeit 2,5 Millionen Euro für meine Sammlung ein Problem sein sollen.
Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie zum „Spurensucher“ von Kunst und Künstlern wurden, die von den Nationalsozialisten diffamiert und verfolgt und deren Werke als „entartet“ gebrandmarkt wurden?
Das hat mit der Entdeckung des Nachlasses von Valentin Nagel Anfang der achtziger Jahre zu tun. Damals war der 1942 verstorbene Maler gänzlich unbekannt. Er verband in seinen Bildern Kubismus, Neue Sachlichkeit und auch expressive Tendenzen auf einzigartige Weise. Ich begann zu forschen, hielt das Phänomen Valentin Nagel aber damals für einen Einzelfall. Dann stellte sich heraus, dass Künstler durch die politischen Umstände im 20. Jahrhundert immer wieder ins Abseits gedrängt worden waren.
Diese ungewürdigten Künstler spielen in der Sammlung die Hauptrolle. Warum?
In der Sammlung finden sich zwar auch Arbeiten von Beckmann, Hofer, Kirchner, Heckel, Kandinsky oder Klee und vielen anderen mit großem Namen. Aber mich interessieren besonders die um 1900 Geborenen, die noch nicht bekannt waren, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Auch nach 1945 hatten sie keine Chance, weil gegenständliche Malerei damals durch den teilweisen Missbrauch in der „Blut-und-Boden-Kunst“ der Nazis weitgehend verpönt war. Auf der andern Seite enthält meine jüngste Veröffentlichung eine Liste mit 1600 Künstlerinnen und Künstlern, deren Werke 1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt worden waren. Die jüngere Generation der Moderne, der ich mich besonders widme, war, verglichen mit den Expressionisten der ersten Generation, noch wenig in den Museen vertreten. Aschaffenburg könnte in dieser Hinsicht zu einem Forschungszentrum werden.
Worin liegt das Einzigartige Ihrer Sammlung?
Ich kann aufgrund der Anlage und Systematik meiner Sammlung das gesamte Jahrhundert in kunsthistorischer und in von Künstlern gestalteter historischer Hinsicht darstellen: vom Ersten Weltkrieg und der Revolutionszeit von 1918/19 über die Ambivalenz der Weimarer Republik und die vielschichtige Schreckenszeit des Nationalsozialismus bis hin zum Mauerbau und Mauerfall. Die Stadt oder die Institution, die sich mit mir als Sammler, Stifter und Schenker einlässt, bekommt im Grunde ein Geschichtsmuseum mit künstlerischen Bilddokumenten automatisch dazu, für Aschaffenburg ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Ich könnte aus meinem Fundus ein Museum mit wechselnden Ausstellungen über Jahre bestreiten.
Sie vermeiden den Begriff der „verschollenen Generation“. Warum?
Weil ich der Ansicht bin, dass ich seit 1999 massiv daran gearbeitet habe, dass diese Künstlerinnen und Künstler schon weitgehend aus ihrer Verschollenheit herausgeführt wurden. Zu meiner Sammlung sind drei Grundlagenwerke erschienen. Wenn sie dann noch den Spezialkatalog „Moderne am Pranger“, zu der letzten Aschaffenburger Ausstellung erschienen, hinzurechnen, dürfte meine Sammlung diejenige in Deutschland sein, die am detailreichsten dokumentiert ist.
Seit 1988 haben Sie gut 35 Ausstellungen gehabt. Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit anerkannt?
Ja, ich habe reichlich Anerkennung erfahren und hätte ohne sie wahrscheinlich auch all die Jahre nicht durchhalten können. Mittlerweile ist es mir auch gelungen, von den Wissenschaftlern, die auf diesem Gebiet forschen, als gleichrangig angesehen zu werden. Zu den Ausstellungen ist zu sagen, dass diese auf großes Interesse stoßen. Die Ausstellung in Salzburg im Jahr 2008 hatte 16 000 Besucher, eine Zahl, die im „Salzburg Museum“ zuvor nicht zu verzeichnen war. Auch in Aschaffenburg kamen zu beiden Ausstellungen mehr als 10 000 Menschen aus praktisch allen Teilen Deutschlands und auch aus dem Ausland. Besonders ehrenvoll ist für mich die Einladung, im nächsten Jahr im Ephraim-Palais, dem Ausstellungshauptgebäude der Stiftung Stadtmuseum in Berlin, anlässlich des 80. Jahrestages der Nazi-Machtergreifung unter dem Titel „Verfemt, verfolgt - vergessen? Kunst und Künstler unter dem Nationalsozialismus“ ausstellen zu dürfen. Erstmals wird das Palais mit 400 bis 500 Werken komplett aus einer Privatsammlung bestückt.
2004 haben Sie eine Bürgerstiftung mit einem Teil Ihrer Sammlung in Solingen errichtet, deren Ziel ein Zentrum für verfemte Künste war. Wieso ziehen Sie jetzt Aschaffenburg Solingen vor?
Weil es sich gezeigt hat, dass dieses bis heute nicht verwirklichte Zentrum nach meiner Einschätzung auf die Dauer der Jahre keine angemessene Chance haben wird, in Ruhe zu arbeiten. Ich kann Ihnen die unselige Geschichte, die zwischen der Stadt Solingen, dem Landschaftsverband Rheinland und dem Land Nordrhein-Westfalen stattgefunden hat, hier aus Platzgründen nicht darstellen. Hinzu kommt, dass Solingen dem Haushaltssicherungskonzept unterliegt. Die Situation in Aschaffenburg stellt sich im Vergleich unverhältnismäßig günstiger und solider dar.

