04.04.2006 · Nach dem Umbau des Frankfurter Kunstvereins eröffnet die neue Leiterin Chus Martinez das Haus mit Esra Ersens Videos, die das Leben von Straßenkindern, illegalen Einwanderern und anderen Gruppen dokumentieren.
Von Konstanze CrüwellGleich rechts vom Eingang im Frankfurter Kunstverein, der gestern abend nach dreimonatigem Umbau wiedereröffnet wurde, kann man sich anhand von Wandtexten über zehn Gründe informieren, warum es sich lohne, hier Mitglied zu werden.
„Ich kann nur das folgende dazu sagen: Kafka hat einmal geschrieben, alle Menschen hätten ein Wohnzimmer in ihrer Brust, und wenn man rennt, könne man den Spiegel an der Wand vibrieren hören“, schreibt die spanische Künstlerin Dora Garcia. „Wäre somit das Wohnzimmer der Kunstverein? Jener, der rennt, die Kultur? Und der Spiegel der Künstler?“ Ziemlich lakonisch drückt sich hingegen der dänische Autor und Kurator Lars Bang Larsen aus: „Es regnet Gründe.“
Chus Martinez, die den Kunstverein seit Anfang des Jahres leitet, präsentiert anstelle eines Statements ein kleines Wandarchiv mit Fotografien aus der Geschichte des Kunstvereins, einer Zeitschrift zu dessen 150. Geburtstag und einem Dokument des Jahres 1928. Sie habe diesen Raum eingerichtet, sagt sie, um auf die Bedeutung einer aktiven Teilnahme möglichst vieler Menschen am kulturellen Leben der Stadt hinzuweisen und damit der Auffassung entgegenzuwirken, Kunstinstitutionen seien heutzutage in erster Linie als Kulturdienstleister zu verstehen.
Kunst und Leben verbinden
Überhaupt hat die 1972 im galicischen Pontesco geborene neue Direktorin, die nach dem Studium der Kunstgeschichte und Philosophie in Barcelona, Tübingen, Berlin und New York als Kuratorin und Kunstkritikerin arbeitet und bisher die Kunsthalle Sala Rekalde in Bilbao leitete, klare und präzise Vorstellungen von ihrer Arbeit in Frankfurt. So spiegelt das Steinerne Haus mit seinem Raumprogramm, das sich durch die ohnehin anstehende Renovierung verändert hat, auch die Konzeption wider, die von der neuen Direktorin für ihre Arbeit entwickelt wurde.
Kunst und Leben sollen sich nach ihren Vorstellungen künftig im Cafe verbinden, dem Gorka Eizagirre und Xavier Salaberria, zwei junge spanische Künstler, mit einem riesengroßen multifunktionalen Holztisch und einer originellen Tapete ein neues und sehr viel einladenderes Gesicht als bisher gegeben haben.
„Ist das Leben nicht schön?“ lautet der übergreifende Titel einer Gruppenausstellung in vier voneinander unabhängigen Kapiteln, die Chus Martinez im Lauf dieses Jahres zeigt. Ob diese Frage eine positive Antwort findet, wird sich zeigen. Jetzt macht die junge türkische Künstlerin Esra Ersen den Anfang.
Anteilnehmende Beobachterin
Neun Videoarbeiten sind von ihr zu sehen, die während der vergangenen sechs Jahre in Schweden, Österreich, Deutschland, Japan und in ihrer Heimat entstanden sind. Zwischen Dokumentation und der Wiedergabe ihrer persönlichen Erfahrungen schildert sie in eindringlichen, oft bestürzenden Szenen das Leben von Straßenkindern, illegalen Einwanderern oder anderen Gruppen, das sie immer über einen längeren Zeitraum geteilt hat - nicht als Voyeurin, sondern als anteilnehmende Beobachterin.
„Ich bin türkisch, ich bin ehrlich, ich bin fleißig“: Der Refrain einer türkischen Schulhymne ist der Titel eines vergleichsweise freundlichen und heiteren Videos, bei dem es um fremde und eigene Identität geht. Gezeigt wird eine Aktion, bei der Linzer Schulkinder eine Woche lang die - sehr attraktiven - Schuluniformen trugen und ihre Reaktionen tagebuchartig festhielten.