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Kunst : Alles viel schlimmer

In Aschaffenburg zeigt der Neue Kunstverein fünf junge Künstler, deren Arbeiten amüsieren und irritieren: Unter der Oberfläche verbergen sich Gefahren.

          „Jetzt ist keine Besuchszeit, das Kloster ist während der Andachtsvorbereitungen geschlossen.“ Das ist höchst bedauerlich, die Stimme aber duldet keinen Widerspruch. Nichts ist es also mit „ora et labora“, mit ein, zwei Tagen der Klausur und frommen Exerzitien. Aber besonders einladend erscheint Andreas Fischers „Kloster“ mit seinen klappernden, einen Höllenlärm vollführenden Läden ohnehin nicht. Statt dessen leuchtet dem Pilger eine stumme Mahnung heim: „Sprechfehler“, „Gedankenfehler“, „Körperfunktionsfehler“. Und immer wieder diese Stimme des frommen, langsam aber doch ein wenig ungehalten werdenden Wächters aus dem Off: „Jetzt ist keine Besuchszeit.“

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          So erlebt es der Betrachter im Neuen Kunstverein Aschaffenburg derzeit allenthalben. Fünf junge Künstler locken dort mit allerlei meist eigens für die Ausstellung hergestellten Maschinen, Installationen und Skulpturen und wecken spielerisch die Neugier des Besuchers, nur um ihn dann verblüfft, ratlos oder amüsiert stehen zu lassen.

          „Es war alles noch viel schlimmer“

          Das gilt für die Arbeiten Andreas Fischers, eines Meisterschülers von Georg Herold, genauso wie für Dejan Sarics „Karussell“, das auf den ersten Blick beinahe nostalgische Erinnerungen auslöst und diese zugleich nachhaltig enttäuscht. Verstörend auch Sarics raumgreifende „Box“: Ein schlichter hölzerner Kasten, aus dem ein dumpfes, grollendes und diffus bedrohliches Knarren, Mahlen und Rotieren zu vernehmen ist. Doch nichts passiert, und was da vor sich geht, bleibt völlig offen.

          „Es war alles noch viel schlimmer“, so lautet der Titel der von Bernd Reiss kuratierten Ausstellung im Aschaffenburger „KunstLANDing“. Sie fordert die Aktivität des Betrachters, verführt ihn immer wieder dazu, die verborgenen Mechanismen der Kunstwerke mit allen Sinnen zu erkunden. Doch die erhellende Pointe, das Aha-Erlebnis, bleibt in aller Regel aus. Wie Benjamin Bergmanns theatralische Inszenierung seines aufgebahrten Christus wollen die gezeigten Arbeiten vor allem die Wahrnehmung irritieren, sie suggerieren daher Geborgenheit und spielen zugleich ambivalent mit der Gefahr.

          Das Betreten von Benjamin Bergmanns aus rohem Holz gezimmerter „Stallung“ etwa führt zunächst in süße, längst verblaßte Kindheitswelten. Man meint sogleich, den Duft von Heu wahrzunehmen, hier könnte „Mona“ stehen, dort die gute „Lieselotte“ mit dem jungen Kalb. Von Melkmaschinen hält man hier vermutlich auch nicht viel: Der alte Bauer, daran kann es keinen Zweifel geben, melkt seine Kühe so wie ehedem von Hand.

          Minimalistische Skulpturen des Bildhauers Kristen

          Doch kaum hat man das Gatter aufgestoßen zur heilen Welt der Bauernkate, geht man lieber deutlich auf Distanz. Die ländliche Idylle gemahnt mit einem Mal nicht mehr an warme Milch und Kachelöfen, sondern eher an jenen Häcksler-Albtraum, in dem Steve Buscemis plappernder Gangster aus „Fargo“ einst verschwand. Auch Christian Schönwälder arbeitet bevorzugt mit unauffälligen Allerweltsmaterialien. Sein gewaltiges, aus Sprelakart und Restholzlatten zusammengezimmertes DDR-„Penthouse“ verwehrt dem Betrachter jedoch jeden Zugang und läßt ihn über Sinn und Zweck dieser seltsamen Behausung rätseln. Auch Schönwälders „Schrank“ und das perfide Büßerbänkchen Marke „Knieschoner“ erscheinen nur bedingt alltagstauglich.

          Es sind aber vor allem die klar und minimalistisch angelegten, von hintergründigem Humor begleiteten und zugleich zart-poetische Klänge anschlagenden Skulpturen des Musikers und Bildhauers Kristen, die den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Dabei ist es unwichtig, ob der Braunschweiger Meisterschüler von Walter Dahn nun vor Ort ein Betonrelief an die Wand gießt und es schlicht und schelmisch „pour concrete“ betitelt, „Beton gießen“ also, ob er mit „turnball blue“ aus einer Art Taufbecken auf malerische Art und Weise preußischblaue Farbe die Wand hinunterrinnen läßt oder ob er wie bei „St John's wort“ kaum wahrnehmbare elektronische Musik ertönen läßt, die den Betonmantel der Lautsprecherboxen trotzdem unübersehbar aufsprengt.

          Mit dem eher beiläufigen Charakter seiner sich mitunter an der Grenze der Wahrnehmbarkeit bewegenden Interventionen löst der junge Künstler exemplarisch ein, was die Schau insgesamt verspricht. Mag sein, daß in Wahrheit alles noch viel schlimmer war, Kristens Arbeiten freilich irritieren über den Moment hinaus.

          Die Ausstellung „Es war alles noch viel schlimmer!“ im Neuen Kunstverein Aschaffenburg, Landingstraße 16, ist bis zum 10. September dienstags von 14 bis 19 Uhr und mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

          Quelle: F.A.Z., 16.08.2006

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