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Kultur in Frankfurt Goethe kann uns keiner nehmen

15.02.2009 ·  Die Finanzkrise und der Umzug des Suhrkamp Verlags haben Frankfurts Kulturleben geschockt - wieder wird ein Teil der Vergangenheit verschwinden. Doch diese Stadt ist die ständige Fluktuation gewohnt: Hier fängt man immer wieder von vorne an.

Von Michael Hierholzer
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Der Verlust des Suhrkamp Verlags nagt am Selbstbewusstsein der Stadt. Geprägt hat sie seit Jahrhunderten das Wort, das Buch, der Intellekt, der Gedankenverkehr, der Austausch von nüchternen Argumenten. Die Ästhetik der Idee behagte ihr immer mehr als die Üppigkeit von Ornamenten und Farben. Das rechnende Denken der Kaufleute war ihr so suspekt, wie sie sich den Umgangsformen der Handeltreibenden, die aus allen Himmelsrichtungen hierher zur Messe kamen, anverwandelte. Auch in der Gegenwart lässt sich an keiner anderen deutschen Großstadt der Widerstreit zwischen den beiden Modernen, der wirtschaftlichen und der kulturellen, in solcher Deutlichkeit verfolgen wie in Frankfurt. Die sich vorzüglich mit diesem Antagonismus auseinandergesetzt haben, waren die Meisterdenker der Kritischen Theorie.

Die Suhrkamp-Kultur grundierte weithin die Stimmung in der Stadt. Der linksintellektuelle Hauptstrom umgab warm und wohlig Individuen und Institutionen. Aber dieser hat sich spätestens seit der Wiedervereinigung in etliche Rinnsale verzweigt.

Dass die Auflösung des Theaters am Turm (TAT) 2004 einigermaßen sang- und klanglos über die Bühne ging, war ein Indiz dafür: Auch dieses Haus war schon lange nicht mehr Hort einer kulturkritischen Ästhetik, und es gab niemanden, der sich wie noch in den achtziger Jahren für eine Wiederbelebung eingesetzt hätte.

Keine Einschränkungen für die städtische Kultur

Dennoch gehört die Frankfurter Schule bis heute zur Identität vieler, die in der Stadt an verantwortlicher Stelle tätig sind. Der Umzug des Verlags bringt nun allerdings auch manch einem zu Bewusstsein, dass ein Teil der eigenen Biographie wie der Kulturgeschichte der Stadt Vergangenheit ist.

So haben sich die Kommunalpolitiker mittlerweile darauf verständigt, kein Suhrkamp-Museum in Frankfurt mit städtischen Mitteln errichten zu wollen, während alle substantiellen verlegerischen Teile des Verlags nach Berlin ziehen. Eine von Frankfurt unterstützte Dependance wäre nur dann denkbar, wenn es hier auf die Zukunft bezogene Aktivitäten gäbe. Ob die Unseld-Villa im Frankfurter Westend überhaupt dafür in Frage kommt, ist derzeit noch offen: Eine Ausnahmegenehmigung wäre notwendig, um in diesem Wohnviertel Büros einzurichten.

Gegenwärtig tröstet man sich in Frankfurt damit, dass die Buchmesse und eine Reihe namhafter Verlage in Frankfurt bleiben. Und Goethe kann der Stadt ohnehin niemand nehmen. Dass soeben der Nachlass des Posaunisten Albert Mangelsdorff, der sich zeit seines Lebens zu Frankfurt bekannt hat, als Grundstock eines Jazz-Archivs ins Institut für Stadtgeschichte gekommen ist, wirkt wie Balsam auf die verwundete Kulturseele.

Zumindest hob dieses Ereignis die Stimmung im Kulturausschuss des Stadtparlaments vor wenigen Tagen ganz ungemein. Dort wurde auch über den Haushaltsentwurf abgestimmt: Auf Einschränkungen muss sich die städtische Kultur erst einmal nicht einstellen. In den vergangenen Jahren flossen die Einnahmen reichlich. Frankfurt hat die feste Absicht, ein neues Museum der Weltkulturen und einen Anbau für das Historische Museum zu errichten. Bevor die Krise womöglich doch noch alles vereitelt. Mit starken Einbußen bei der Gewerbesteuer ist zu rechnen.

Keine Angst vor dem Neuen

Die Entwicklung bei Suhrkamp schmerzt Frankfurt auch deshalb, weil in der Stadt Veränderungen die Regel sind und nur wenig auf Dauer Bestand hat. Die Fluktuation ist gewaltig. Alteingesessene sind eine rare Spezies. Die Vernichtung von Geschichte, die Adorno als Wesensmerkmal der modernen Produktions- und Denkweise erkannte, ist hier ein alltägliches Phänomen. In Frankfurt fängt man immer wieder von vorne an.

Darin liegen auch Chancen. Während sich die Kultur anderswo noch mit dem Abschied vom neunzehnten Jahrhundert abmüht, ist Frankfurt längst im einundzwanzigsten angekommen. Ohne großes Bedauern hat die Stadt irgendwann in den neunziger Jahren dem Typus des gelehrten Museumsdirektors, der das Publikum insgeheim für eine Plage hält, Lebewohl gesagt.

Aus unnahbaren Kunsttempeln, die einen privilegierten Zugang zu höheren Welten versprachen, wurden mit der Exklusivität des Originals werbende Erlebnisorte für die nicht unbedingt gebildeten, aber doch an etwas anderem als an abgeleiteten Wirklichkeiten interessierten Stände. Dass zwecks Steigerung der Besucherzahlen eine Marketing-Maschinerie angeworfen wurde, die mit lauter Vereinfachungen arbeitet, stört nur noch ein paar Puristen.

Der Konkurrenzkampf wird härter

Dafür kommt es immer wieder zu Überraschungen. So zierten ungewöhnlich viele Prominente aus der spät- bis postavantgardistischen Szene eine Vernissage im Februar 2004. „Velvet Underground“-Stimme Lou Reed, Brit-Art-Stratege Damien Hirst, Chefminimalist Sol LeWitt waren angereist.

Eine große Retrospektive in der Frankfurter Schirn lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf das Werk von Julian Schnabel, der vor etwa dreißig Jahren als Erneuerer der Malerei gegolten, dann aber lange wenig von sich reden gemacht hatte. Der Hauptsponsor der Präsentation war die Investmentbank Lehman Brothers. Dabei waren die Verantwortlichen dort erst einmal skeptisch gewesen, ob man Geld für einen Künstler ausgeben sollte, der auf dem Markt nicht mehr für allzu viel Furore sorgte.

Nachdem die Schau ein Erfolg war, wurde das Unternehmen spornstreichs einer der „corporate partners“ der Kunsthalle. Diese fördern nicht nur das eine oder andere Projekt, sondern den laufenden Betrieb. Lehman Brothers waren mit einem fünfstelligen Betrag dabei. Ein erledigter Fall.

Gewiss, sagt Max Hollein, Direktor von Schirn Kunsthalle, Städel-Museum und Liebieghaus, sei das Finanzinstitut ein Hauptsponsor gewesen. Aber deren habe man viele. Zahlreiche Unternehmen hätten sich langfristig an eines der drei Frankfurter Ausstellungshäuser, die er leitet, gebunden.

Auch belaste sicherlich die Situation im Augenblick die Gespräche zwischen Museen und Drittmittelgebern, und künftig werde es wohl rauher zugehen beim Konkurrenzkampf ums Geld für die Kultur. Aber Absagen von möglichen Unterstützern habe es auch vor der Krise schon gegeben.

Die Stadt bleibt immer „Hauptsponsor“

Sie treffe, heißt es, die Frankfurter Kultur, wenn überhaupt, erst 2010. Im Opernhaus ist bisher noch keine Premierenfeier abgesagt worden. Das Schauspiel kann, was mit dem Intendantenwechsel Oliver Reeses von Berlin nach Frankfurt zu tun hat, in diesem Jahr mit mehr Drittmitteln rechnen denn je. In der Schirn Kunsthalle sind ebenso wie im Städel-Museum alle Vorhaben des laufenden Jahres finanziell gesichert.

Man darf den Beitrag von Sponsoren freilich auch nicht überschätzen. Die Vorstellung, in den glitzernden Hochhäusern, von wo aus wohlwollend der Blick der Finanzwirtschaft auf Museen und Theater falle, werde für diese ein Scheck nach dem anderen ausgestellt, entspricht keineswegs den Tatsachen. So haben die Städtischen Bühnen, Oper und Schauspiel also, im vorigen Jahr 1,3 Millionen Euro von Sponsoren erhalten. Der Zuschuss der Stadt aber betrug 56 Millionen.

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