09.01.2008 · Rapper Kool Savas steckt mitten in einer Fehde mit den angeblich ebenfalls verfeindeten Kontrahenten Bushido und Sido. Seine Waffe: Die unflätigen Schimpftiraden des aktuellen Albums „Tot oder lebendig“.
Von Michael KöhlerEisiger Wind in Deutschland: Die einen debattieren über jugendliche Straftäter mit Migrationshintergrund, bei den anderen tobt der Kampf um die Vorherrschaft im deutschen Hip-Hop: Wer klopft die fiesesten Sprüche, wer eckt am meisten an? Rapper Kool Savas steckt mitten in einer über die Medien ausgetragenen Fehde mit den angeblich ebenfalls untereinander verfeindeten Kontrahenten Bushido und Sido. Wichtigtuerische Großmäuler mit exotischen Pseudonymen auf Konfrontationskurs.
Keiner weiß genau, ob die Schaukämpfe nur clever den CD- und Konzertkarten-Verkauf ankurbeln sollen oder es den Jungs tatsächlich ernst ist mit verbaler, aber auch handgreiflicher Gewalt. Sollte es sich doch nur um eine Schmierenkomödie handeln, erfüllt Kool Savas die ihm zugedachte Rolle optimal. Schließlich ist der 32 Jahre alte Deutschtürke der älteste im Triumvirat, leistete seit 1997 Pionierarbeit und strich dafür bislang am wenigsten Geld ein. Das wurmt Kool Savas gehörig.
„Ich fühl misch wie zu Hause, Alder“
Dass er mit dem Schicksal hadert, verbirgt er nicht. Der Tierrechtsaktivist in Baseballmütze, XXL-Shirt und Schlabberhose macht auf der Bühne der ausverkauften Frankfurter Batschkapp mit großspurigen Gesten und Worten klar, wer der Herr im Hause ist. Das Gemaule des einstigen Wahl-Berliners mit gegenwärtigem Wohnsitz Heidelberg macht deutlich: Die Zeiten, als deutschsprachige Rapper wie „Fettes Brot“ oder „Die Fantastischen Vier“ kuschelig koexistierten, gehören wohl endgültig der Vergangenheit an.
Martialisch präsentiert sich nicht nur der in harschen Reimen formulierte Protest des selbsternannten Sprachrohrs der Unterpriviligierten. Auch seine Körpersprache signalisiert: Aufgepasst, hier lauert ein angriffslustiges Alphatier! Im Gespann mit seinen beiden Adjutanten, Sänger Moe Mitchell und Backup-MC Caput, feuert Kool Savas die unflätigen Schimpftiraden seines aktuellen Albums „Tot oder lebendig“ ab. Das trifft den Nerv des überwiegend männlichen Publikums im Alter zwischen zwölf und 20 Jahren. Musikalisch untermalt werden die ellenlangen Litaneien über Bandenkriege, Jugendkriminalität und Solidarität der Ausgestoßenen von DJ Sir J. Aus diversen Tonträgerquellen filtert er eine auf dumpfe Rhythmen basierende Klangcollage, die vor allem eines erschüttert: das Trommelfell.
Mangelndes Selbstbewusstsein zählt nicht zu den Charaktereigenschaften von Kool Savas. Wie seine Vorbilder aus Übersee markiert auch er den dicken Max als Eigentümer einer Firmengruppe namens Optik Records, für die ohne Bescheidenheit Werbung betrieben wird. Ansonsten lässt er sich von den Anhängern wie ein frisch gekröntes Oberhaupt einer Operettenmonarchie feiern. Mit ausgestreckten Armen huldigen die Untertanen ihrem in Plauschlaune befindlichen Herrscher, der ob der Lobpreisungen sagt: „Ich fühl misch wie zu Hause, Alder.“
„Monrose“-Mitglied Senna gibt sich die Ehre
Fürsorglich verteilt Kool Savas Wasserflaschen an die Dehydrierten in den ersten Reihen. Zwei Überraschungsgäste sorgen für ein wenig Abwechslung: Ein noch minderjähriger Nachswuchs-Rapper mit erstaunlichem Talent und das aus der Frankfurter Nordweststadt stammende „Monrose“-Mitglied Senna geben sich die Ehre. Doch kaum hat das Casting-Sternchen die Bühne wieder verlassen, ziehen dunkle Wolken auf, wenn Kool Savas zu den Stakkato-Reimen von „Tot oder lebendig“ zurückkehrt, derzeit in den Media Control Charts zu finden. Der lohnende Jackpot rückt für ihn also in greifbare Nähe.
uncool
Heiko Schlösser (xx5000)
- 10.01.2008, 16:00 Uhr