14.01.2009 · Die erste Generation des Buena Vista Social Club weilt nicht mehr unter den Lebenden. Doch die Nachfolger wissen, was sie den Ahnen zu verdanken haben: The Bar at Buena Vista gastierte in der Alten Oper Frankfurt.
Von Wolfgang SandnerOb Alter nur ein Glücksfall oder auch ein Verdienst ist, darüber gehen – bis hin zu den Diskussionen um erhöhte Krankenkassenbeiträge für Raucher – die Meinungen weit auseinander. Für die Musiker des Buena Vista Social Club bedeutet das Alter seiner Mitglieder nicht lediglich eine glückliche Fügung des Schicksals. Es ist mittlerweile auch ihr Markenzeichen und damit die Grundlage ihres späten Ruhms.
Seit der amerikanische Slidegitarrist Ry Cooder und der deutsche Filmemacher Wim Wenders vor gut zehn Jahren auf das Lokal am Rande von Havanna aufmerksam wurden, wo rüstige Tanzmusiker in der Dämmerung ihrer Karriere mit ein paar nostalgischen Songs ihre spärliche sozialistische Rente aufbesserten, geht die Kunde von einer Musik um die Welt, die sich im Schatten Nordamerikas ihre Ursprünglichkeit, ihre Kraft und ihren Reichtum an Klangfarben bewahrt hat. Ihre Unbeschwertheit und Toleranz sowieso. Denn in dieser Volksmusik scheint es niemals ästhetische Tabus oder Generationskonflikte gegeben zu haben.
Mit Conferencier, Animierdamen und ein wenig Zigarrendunst
Tieftraurige Schnulzen und hochexpressiver Latin-Jazz, tradierte Lieder und weitschweifige Instrumentalimprovisationen, populäre Tänze und rituelle Musik werden hier gleichermaßen von Künstlern wie von Hörern getragen, die Altersschranken offenbar nicht kennen. Freilich ist die Entdeckung kubanischer Folklore so etwas wie die neuerliche Erfindung des Rads. Welche vitale Ausdrucksstärke die Musik Kubas besitzt, hat man schon im alten New Orleans gewusst, wo karibische Musiker ein wesentliches Ingrediens zu dem musikalischen Eintopf geliefert haben, aus dem der Jazz entstanden ist. Und Dizzy Gillespie wusste, was er dem Perkussionisten Chano Pozo verdankte, mit dem er in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Afro-cuban Jazz schuf, aus dem wiederum, nachdem man ihn rhythmisch besonders scharf würzte, die exilkubanische Salsa angerührt wurde.
Mittlerweile sind viele aus der ersten Generation des spät populär gewordenen Buena Vista Social Club wie Ibrahim Ferrer, Compay Segundo und Rubén Gonzaléz gestorben. Ihre Nachfolger aus der zweiten Reihe aber wissen, was sie gerade diesen drei Ahnen zu verdanken haben. Und so bilden überlebensgroße Fotos der drei Heroen auch den attraktiven Hintergrund für die Show unter dem plakativen Titel „The Bar at Buena Vista“, die jetzt wiederum zu Gast in der Alten Oper ist und ihre Musik im Ambiente einer kubanischen Kneipe mit Einlagen junger Tänzer um den unverwüstlichen Eric Turro Martinez, mit smartem Conferencier, Animierdamen und auch ein wenig Zigarrendunst zum Besten gibt.
Das ist wie immer temperamentvolle Musik von einer mit viel Perkussion ausgestatteten Begleitband um den Bassisten Ricardo Munoz Martinez, die ihr Handwerk versteht und mit Roberto Arrechea Vilches einen grandiosen Trompeter hinzugewonnen hat, der sich schon auf Jazzfestivals von Montreux bis Den Haag als Solist profilierte. Neu im Ensemble ist der Gitarrist Papi Oviedo, auf den man jedoch mit seinem wenig einfallsreichen Spiel und seinem verwaschenen Sound gut und gern hätte verzichten können.
Erstarrung als Programm
Wer die Show im vorigen Jahr nicht erlebt hat, wird vom Auftritt des mittlerweile 92 Jahre alten, aber immer noch erstaunlich intonationssicheren Sänger Reynaldo Creagh, von dem alle Nuancen eines Barpianisten sicher beherrschenden und auch schon auf die neunzig zugehenden Guillermo „Rubalcaba“ Gonzáles sowie der unerschütterlich zwischen Sentimentalität und raffiniertem Jazztonfall lavierenden Sängerin Siomara Avilla Valdes Lescay angetan sein.
Den kennenden Liebhabern des Buena Vista Social Club wird freilich nicht entgangen sein, dass die diesjährige Show wie ein Klon der vorigen daher- kam: bis hin zum abschließenden „Chan Chan“ von Maximo Francisco Munoz, das durch Ry Cooder und Compay Segundo so überaus populär geworden ist, den anzüglichen Tanzbewegungen von Creagh, den pathetischen Erzählungen des Conferenciers und den Gags des Barkeepers Jesus Rodriguez. Erstarrung aber ist genau das, was diese Musik am wenigsten gebrauchen kann, und was bisher für sie auch nicht charakteristisch gewesen ist.