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Konzert Zitatpunk

09.10.2006 ·  Wild kann auch berechnet sein: Hardrock, Heavy Metal und Punk sind zwar Haltungen, aber „Papa Roach“ nehmen sie in der Frankfurter „Batschkapp“ zu leicht ein.

Von Michael Köhler
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Als Ozzy Osbourne 1970 den Satansgruß in die Welt des Heavy Metal einführte, ahnte er nicht, welche Langlebigkeit der Geste beschieden sein würde. Auch die amerikanische Formation „Papa Roach“ bemüht bei ihrem Gastspiel in der ausverkauften Frankfurter Batschkapp jene obligatorisch gewordene Gebärde, die eine gewöhnlich geballte Faust zum liederlichen Teufelshorn umfunktioniert. Es bleibt nicht die einzige Annäherung an Rock-Ikonen der Vergangenheit und berechenbare Gesetze der Showbranche.

Dezibelzahlen in oberen Wertebereichen fördern den Bewegungsdrang, bauen Stress auf und sorgen in ungeschützten Ohren noch Stunden später für einen unangenehmen Pfeifton. Die dicht an dicht gedrängte Fangemeinde von „Papa Roach“ jedoch hegt für wissenschaftlich längst belegte Warnungen augenscheinlich keinerlei Interesse. Aufmerksam verfolgt sie jede einzelne Bewegung ihres zappelig die Quadratmeter der Bühne durchmessenden Idols Coby Dick, der sich zur infernalisch lauten Beschallung seiner drei Bandkollegen beim Urschreien windet wie ein von Dämonen Besessener.

Rocker-Accessoires

Coby Dick, bürgerlich Jacoby Dakota Shaddix, begreift sich mit steifgegelter Stachelfrisur, Nietengürtel zur schwarzen Röhrenhose und tattooübersäten Oberarmen zwar als Bilderbuch-Punk der dritten Generation, weiß jedoch stimmlich mit weit mehr als einer Oktave zu überzeugen. Das paßt ausgezeichnet zur neuen musikalischen Linie von Papa Roach. Der gerappte Nu-Metal ihres internationalen Durchbruchswerks „Infest“, in den Gründerjahren inspiriert durch Vorbilder wie „Faith No More“, „Rage Against The Machine“ und „Red Hot Chili Peppers“, ist vorerst passe.

Statt dessen erproben sie sich in ihrem knapp anderthalbstündigen und um das aktuelle Album „The Paramour Sessions“ herum gruppierten Repertoirequerschnitt an Hardrock klassischen Zuschnitts, versetzt mit einer nicht geringen Prise Pop. Eine einladende Mixtur, die Liebhabern wüsterer Metal-Varianten eine verdrossene Grimasse entlocken dürfte. Rasante Hymnen zum Mitgröhlen in rustikalen Arrangements für Gitarre, Baß und Schlagzeug. Es wimmelt nur so von Zitaten. Originelles oder gar Innovatives aber sucht man vergeblich.

Lobpreis des Suizids

Harsche Brisanz findet sich allenfalls zwischen den Zeilen. „Getting Away With Murder“ etwa beschäftigt sich mit der Frage, ob gewöhnlicher Mord möglicherweise doch häufiger ungesühnt bleibt, als es sich der gesunde Menschenverstand vorstellen mag. „Reckless“ und „Forever“ wiederum umgibt ein Hauch von unheimlicher Konspiration nach Art des Kinofilms „Die schwarze Dahlie“. Beide entstammen jenem Songzyklus, der in einem alten Anwesen namens „The Paramour“ in den Hollywood Hills entstand, einst Zuhause von Stummfilm-Ikone Antonio Moreno. Angeblich lebte auch eine Priesterin des Santeria-Kultes in den Gemäuern, in denen sie sich laut Legende auch begraben ließ.

Kurz vor dem Finale dann jener Gassenhauer, der „Papa Roach“ zur Jahrtausendwende mit einem Schlag weltweit populär machte und die Jahrhunderthalle Hoechst problemlos füllen ließ: Mit „Last Resort“, einem nicht nur von besorgten Psychologen beanstandeten Lobpreis des Suizids in der Pubertät, formulierte das Quartett zeitgemäß den Konflikt zwischen verzweifelter Ohnmacht, gesellschaftlicher Norm, unsensiblem Elternhaus und Selbstmord-Foren. Der gezielte Tabubruch scheint als karriereförderndes Vehikel nicht nur in den künstlichen Welten von Paris Hilton und Madonna als Nonplusultra zu gelten.

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