„Bass, Bass, gib mir Bass“ – ob die Schotten von „Shitdisco“ den Hit von „Das Bo“ kennen und verstehen, bleibt fraglich. Gleichwohl: So könnte das Motto des Quartetts aus Glasgow lauten. Nasenflügel beben, der Magen wummert, auf der Empore schwingt der Boden im Rhythmus mit, wenn die Kunststudenten loslegen.
Neben der sehr dicken Basslinie, die „Shitdisco“ fährt, knüppelt der Schlagzeuger wie ein Besessener auf sein Instrument ein. Ab und an dreht ein Bandmitglied an den Knöpfen des Synthesizers herum, dann heulen Polizeisirenen auf. Die Texte sind überaus einfach gestrickt, und die häufigste Vokabel in den Liedern scheint „Disco“ zu sein.
Surrealer Medienbegriff
Das also ist die vieldiskutierte Musikrichtung New Rave, die von der englischen Zeitschrift „New Musical Express“ – Wichtigtuer sprechen nur von „NME“ – schon vor einem Jahr ausgerufen worden ist. Raves, das waren in den Achtzigern riesige Partys mit elektronischer Musik: wummernde Bässe, schnelle Beats und Tanzen bis zum Morgengrauen. Vor fast 20 Jahren feierten Raver in England den zweiten „Summer of Love“. Seine Anhänger wollten vor allem Spaß haben. Ganz im Gegensatz zum legendären Vorbild von 1968 bastelten sich die Raver eine hedonistische Partykultur mit schrillen Klamotten, halbnackten Körpern und vielen bunten Ecstasy-Pillen. Nach Deutschland schwappte die Rave-Welle aber erst geraume Zeit später, Anfang der neunziger Jahre.
Jetzt treffen bei „Shitdisco“ die Gitarren also auf Acid House, ein Schlagzeug knüppelt zu elektronischer Musik – New Rave halt. Doch, Moment, gibt es das nicht schon? Ist das nicht einfach Disco-Punk? Ob die Hysterie in der Presse um New Rave vielleicht doch nicht einfach eine Nachwehe des journalistischen Sommerlochs im Jahr 2006 war? Dem Kind seinen Namen gab die britische Band „The Klaxons“: „New Rave haben wir eigentlich mal als Witz in den Mund genommen. Plötzlich war es ein Medienbegriff, von dem zunächst keiner wusste, was er bedeutet.“ Jetzt existiert er. „Ziemlich surreal“, sagt der Bandleader der „Klaxons“, James Righton. Dabei wollte er eigentlich bloß die Atmosphäre bei ihren Konzerten loben.
Wie eine Garagenband im Proberaum
Auch „Shitdiscos“ Lieder mit Titel wie „Reactor Party“ oder „Disco Party“ knallen: Dieser Songtitel ziert das T-Shirt eines Mädchens mit aschblondem Pagenkopf. Sie fühlt sich in der ersten Reihe offenbar so wild und enthemmt, dass sie beim Tanzen fast das Keyboard von der Bühne reißt. Aber wer so unschuldig aussieht, dem kann der Techniker nicht böse sein. Gut zwei Drittel des Publikums sind weiblich. Der singende Basser jedenfalls scheint das gut zu finden, nach ein paar Liedern schon entblößt er seinen weißen, hageren Oberkörper und singt weiter laut und fistelig.
Große Stimmen hat „Shitdisco“ nicht, nur hohe und schiefe. Ob die Band wohl Falsett mit falsch verwechselt hat? Eher an eine Garagenband im Proberaum erinnern die Schotten. Ein Cover ragt aus dem Repertoire heraus, „No Good“ von „The Prodigy“. Das Publikum wirbelt die neonfarbenen Leuchtröhren, wichtigstes Accessoire hartgesottener „Shitdisco“-Fans, durch die Luft. Die Fans schreien gegen die übermächtigen Bässe an, derweil sich der halbnackte Basser in großen Posen übt, sogar wie der Messias am Kreuz steht er auf der Bühne.

