Home
http://www.faz.net/-gzk-14po1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Konstantin Wecker Auf den wilden Wogen der Liebe

06.12.2009 ·  Er hat seine rebellische Kraft nicht verloren: Drei Stunden lang unterhielt Konstantin Wecker sein Publikum mit seinem Konzert in der Frankfurter Alten Oper.

Von Hans Riebsamen, Frankfurt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

„Wo san die Geigen?“, fragt Konstantin Wecker. Zur Liebe gehören doch Geigen. Und da marschieren die Geiger auch schon auf die Bühne der Frankfurter Alten Oper. „Spring String Quartett“ nennen sich die vier Streicher: dreimal Violine, einmal Cello. Sie sind Teufelsgeiger und lassen zusammen mit dem Teufelspianisten Jo Barnikel die vielen Wecker-Fans, die den ganzen Großen Saal füllen, tanzen. Nicht in den Himmel der Liebe, sondern auf deren wilden Wogen. Sentimentalität ja, aber keine süße, sondern bittere, lautet Weckers Rezept für seine Liebestränke. „Ohne dich kann ich nicht leben, und mit dir kann ich nicht sein.“

Der Mann ist jetzt 62, besitzt aber die Kraft eines Zweiunddreißigjährigen. Drei Stunden starke Präsenz auf der Bühne, drei Stunden Röhren und Locken mit seiner unverwüstlichen Stimme, drei Stunden Hämmern und Streicheln auf dem Flügel. Ein musikalischer Parforceritt. Konstantin Wecker ist wieder da, hat seinen Drogenabsturz überwunden, aber seine rebellische Kraft nicht verloren.

Liebe ist sein Thema

Liebe ist während dieser Tournee sein Thema. Nicht nur die Liebe zwischen Mann und Frau, sondern auch die Vaterlandsliebe oder die Liebe zum Vater. „Niemals Applaus, kein Baden in der Menge“, singt er über seinen Vater, den erfolglosen Sänger, dessen „Nessun’ dorma“ von einer Reinheit gewesen sei, die nur den Allergrößten gelingen könne. „Mir flog das zu, was Dir verwehrt geblieben / du hattest Größe und ich hatte Glück“, ruft er dem Vater nach. Auch diese Tonlage, die anrührend-melancholische, beherrscht Wecker.

Seine Begabung erstreckt sich überhaupt auf viele Felder. Doch seine innerste Berufung ist die zum Dichter, zum Poeten. „Ich war’s nicht, Georg Trakl war’s“, verteidigt er in seinem eben erschienenen Band „Stürmische Zeiten, mein Schatz“ (Piper-Verlag) mit den für ihn schönsten deutschen Liebesgedichten seine einstige Flucht aus der Schule in die Poesie. Immerhin war der junge Poet damals so realitätstüchtig, seine Gedichte in Musik zu packen. Ohne seine Klaviertöne, ohne seine Gesangsstimme wäre Wecker wohl unentdeckter Poet geblieben und jetzt vielleicht ein resignierter Lehrer. Nun ist er Sänger und Filmkomponist und Dichter und Romanautor und natürlich Liedermacher – einer der produktivsten im Lande. Aber immer noch Rebell. „Es ist nicht aus allen Rebellen ein Schröder oder Fischer geworden“, tröstet er sein Publikum, das diesen Satz euphorisch beklatscht. Einer immerhin, ihr Held, hat nicht klein beigegeben, hat keine Kompromisse schließen müssen.

Politisch Aktuelles wirkt bei Wecker platt

Wecker setzt sich immer noch ein für die Machtlosen, die Außenseiter, die am Rande Stehenden, für „die Vergessenen im letzten Glied“ – und natürlich für eine andere Welt. „Ach, wer auf Häuser baut, den schreckt jedes Beben“, heißt es in „Stürmische Zeiten, mein Schatz“. Und er fährt fort: „Wer sich den Banken verschreibt, den versklavt ihre Macht.“ In diesem Lied findet sich das ganze Weckersche Programm: Antibürgerlichkeit und Antikapitalismus, doch auch Trost und Aufmunterung: „Aber dennoch nicht verzagen, / widerstehn. / Leben ist Brücken schlagen / über Ströme, die vergehn.“

Wenn er politisch zu sehr die Aktualität streift, wirkt Wecker platt. Sein Lied über „Gutti“, den neuen Verteidigungsminister und Weckers bayerischen Landsmann, fällt gewiss nicht unter die Kategorie Meisterwerk: „Ich bring’ den totalen Krieg / Alle Zeichen steh’n auf Sieg.“ Solche Tagespolitik drehen die Kabarettisten doch besser durch die Mangel. Stark ist er, wenn er von seine Zerrissenheit als Liebender spricht, von den immer unerfüllt bleibenden Sehnsüchten nach dauerhaftem Glück, vom Scheitern und Wiederaufstehen.

„Den Sinn dieses Unsinns noch lang nicht erfasst / doch immerhin: leben im Leben!“, lautet der Refrain von Weckers Eröffnungslied „Leben im Leben“. Die Zuhörer kennen den Text. Wie auch den der anderen Hits, sofern man bei Wecker von Hits sprechen darf. „Was ich an dir mag“, „Der alte Kaiser“ und natürlich „Genug ist nicht genug“, sein bekanntestes Lied: Sie alle hat Wecker ausgegraben für dieses Programm. Denn als er nach Stoff suchte für sein Liebes-Programm, hat er gemerkt, dass er, der linke politische Liedermacher, eigentlich sein ganzes Leben lang fast immer nur von Liebe gesungen hat. Jetzt hat er zwei Kinder – und kennt nun auch noch das Glück der Vaterliebe.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Und sie drehen sich wieder im Kreis

Von Mechthild Harting

Zwar verkünden die Vertreter von Städten und Kreisen in Rhein-Main immer wieder, nun werde endgültig über Sachthemen diskutiert. Doch es geht immer wieder um Strukturen und Finanzen. Mehr 1 1