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Kolektif Istanbul in Wiesbaden : Musikalisches Plädoyer für Einigkeit

  • -Aktualisiert am

Frau mit Puste: Asli Dogan singt und spielt Trompete im Kolektif Istanbul. Bild: Getty

Partystimmung: Das Kolektif Istanbul lässt das Publikum im Wiesbadener Kesselhaus tanzen.

          Scharfkantige Bläsersätze von Klarinette, Altsaxophon und Trompete schneiden in den gut besuchten Saal. Das Sousaphon pumpt schnelle Basslinien, der Schlagzeuger verwirbelt einen ungeraden Rhythmus. Aus dem kraftvoll kontrapunktischen Arrangement schält sich ein kürzeres Klarinettensolo, bevor der Keyboarder übernimmt und individuelle Zeichen Richtung Orient-Jazz setzt. In türkischer Melodik wie amerikanischem Funk zu Hause, zündet Tamer Karaoglu fantastische Feuerwerke aus kleinen Phrasen und längeren Läufen, die sich in irrwitzige Improvisationen steigern. Dabei entlockt er dem Keyboard für die linke und rechte Hand verschiedene, leicht verzerrte und an eine Saz erinnernde Sounds.

          Perfekt aufeinander eingespielt und bester Laune, entfacht das Sextett im Kesselhaus des Wiesbadener Schlachthofs mitreißende Balkan-Rasanz, wiederum angetrieben von komplexen Beats des Drummers Batuha Baroa. Richard Laniepce kommt für ein vergleichsweise kurzes Saxophonsolo nach vorn, in dem er zwischen schnellen Motiven und langgezogenen Tönen wechselt. Dann übernimmt Talat Karaoglu die Führung. Mit langem Atem mäandert er virtuos durch verschlungene Notenketten, verkürzt sie zu kreiselnden Miniaturen, die er in Details variiert. Seine insistierenden Repetitionen können, verstärkt durch Energieschübe von Schlagzeug und Sousaphon sowie Funk-Motive des Keyboards, in Trance oder wenigstens in Euphorie versetzen.

          Brillieren immer wieder mit kleinen Details

          Für das dritte Stück wechselt Tamer Karaoglu ans Akkordeon, während Asli Dogan erstmals die Trompete absetzt und singt. Klangvoll und stets warm timbriert, wechselt sie zwischen Melodien und rhythmischen Phrasierungen, verziert auch viele weitere Songs gekonnt durch kleine Schleifen und Arabesken. Der folgende traditionelle Hochzeitstanz steigert die Partystimmung – doch die wird einem Zuschauer offenbar zu viel. In der kurzen Pause vor dem nächsten Titel provoziert er auf Türkisch einen Disput mit Richard Laniepce, der nach einigen Sätzen von Asli Dogan beruhigt wird. Für alle, die dem Wortwechsel nicht folgen konnten, fasst Dogan die Haltung der Band auf Englisch zusammen. Seit vier Jahren sei die Situation in der Türkei schwierig, herrsche mancherorts Krieg und auch sie hätten Freunde verloren. Trotzdem spielten sie weiter, denn die Musik sei ihr Weg, Widerstand zu leisten. Zudem hat das Kolektif Istanbul, seit zwölf Jahren im Kern in gleicher Besetzung unterwegs, auch einen Text von Ceylan Ertem vertont, die wegen ihrer kritischen Einstellung „Unannehmlichkeiten“ mit den Behörden hat, wie Richard Laniepce etwas später sagt. Es scheint, dass Dogan das Stück an diesem Abend mit besonderer Dringlichkeit interpretiert.

          An Verve und Esprit fehlt es ihr wie dem Rest der Band auch in Liebesliedern nicht. Zudem brillieren die Musiker immer wieder mit kleinen Details, etwa wenn Ertan Sahin pfiffige Kabinettstückchen auf dem Sousaphon präsentiert oder der Bretone Laniepce Obertongesang aufleuchten lässt. Etwas weiter entfernte Adaptionen machen ebenso Spaß, wobei der amerikanische Funk-Klassiker „Cissy Strut“ von The Meters weniger aus der Reihe tanzt als der französische Schlager „L’été Indien“, der als „Pastirma Yazi“ zum Titelstück des jüngsten Albums von Kolektif Istanbul wurde. Zwei Stunden kreuzt das furiose Sextett durch Stile und Regionen und plädiert künstlerisch überzeugend für gutgelauntes Miteinander.

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