07.09.2010 · Am Sonntag wurde in Frankfurt das Kinderfilmfestival „Lucas“ eröffnet. Bis Ende der Woche sind Werke aus aller Welt zu sehen.
Von Isabell ZieglerHastig die Treppen des Metropolis hinauf gehuscht und schnell hinein in den dunklen Kinosaal. Drinnen nervöses Popcornknabbern unzähliger kleiner Münder, Geplapper, Gekicher und Väter, die ihre Kleinen huckepack noch einmal schnell zur Toilette tragen. Zur Eröffnung des 33. Internationalen Kinderfilmfestival „Lucas“ rutschten am Sonntag in Frankfurt nicht nur die jungen Zuschauer kribbelig vor Vorfreude auf den Kinosesseln herum – größer noch war die Aufregung bei den Erwachsenen im Festivalteam. 27 Filme aus 22 Ländern konkurrieren bei dem noch bis Sonntag dauernden Filmfestival um sechs Preise, darunter die Hauptpreise für den besten Lang-, den besten Kurz- und den besten Animationsfilm.
Zur Eröffnung von „Lucas“ gab es in diesem Jahr keinen Langfilm, sondern ein Programm mit sechs Kurzfilmen. Das kam vor allem den jüngsten Zuschauern entgegen, denn das dichte Genre, im Kino sonst selten zu sehen, ist gerade für Kinder attraktiv. Tod, Liebe, Trennung und Freundschaft: Die sechs Trickfilme berührten Themen, die Kinder und Erwachsene gleichermaßen beschäftigen. Die Frage, was es mit dem Sterben auf sich hat, stellt wahrscheinlich jedes Kind irgendwann. So wie die hochgewachsene Ente im Kurzfilm „Ente, Tod und Tulpe“. Für sie kommt die Chance auf eine Antwort, als der Tod sie an ihrem Teich besucht. Vorlage für den zart gezeichneten und bittersüßen Kurztrickfilm des Regisseurs Matthias Bruhns war das gleichnamige Buch von Wolf Erlbruch.
Außergewohnliche Gestalten
Mit tröstlichem Witz thematisiert der Film „Der Kleine und das Biest“ die Veränderungen, die entstehen, wenn Eltern sich scheiden lassen. Aus der Mutter wird ein hässliches grünes, einsilbiges Biest, das Fotos aus glücklichen Zeiten zerreißt, allein am Küchentisch weint und abends zu seinem Sohn ins Bett kriecht. „Niemand weiß, wie lange so eine Verbiesterung dauert“, stellt der Kleine lakonisch fest. „Um alles muss man sich dann selbst kümmern.“ Erst als er sich schon fast an das peinliche Riesenvieh gewöhnt hat, verwandelt es sich wieder zurück in die Mutter.
Wer diese und die vier weiteren Kurzfilme bei der Eröffnung verpasst hat, dem sei das „Kurzfilmprogramm 2“ empfohlen. Die sechs phantasievollen Trickfilme zeigen, dass es fernab der Alltagsautobahn Dinge gibt, die in unserer zweckorientierten Welt unnötig, dafür aber bunt, verrückt und faszinierend sind. Dinge, auf die es sich lohnt, einen Blick zu werfen. Wie zum Beispiel auf „Das Verlorene Ding“. Ein seltsames Wesen ist das – aus einem riesigen kaffeekannenartigen Gehäuse ragen zwei Scherenarme und sechs stummelige Krakenbeine. Glöckchen klingeln bei jeder Bewegung, geheimnisvolle Schubladen umgeben den metallenen Leib. Das Ding steht verloren am Strand herum, bis ein Junge, selbst ein Kronenkorken sammelnder Sonderling, das bizarre Geschöpf einfach mit nach Hause nimmt.
Zwei außergewöhnliche Gestalten sind auch die Hauptfiguren in Joanna Luries Kurzanimation „Die Stille unter der Rinde“. Von einem fallenden Baum geweckt, kommen sie als durchsichtige Wesen aus der Tiefe der Erde herauf. Zum ersten Mal erblicken sie das Tageslicht und den von Schnee umhüllten Wald. Die Schneeflocken entlocken den Waldgeistern ein schnarrendes Kichern – kurzerhand essen sie das gefrorene Wasser. Das Spiel mit Farben, Formen und Licht lässt den Zuschauer bekannte Phänomene neu entdecken. Wunderschön ist es zu beobachten, wie sich die Schneeflocken, als wären es Brausetabletten, in den langen Rachen der schlaksigen Geschöpfe auflösen. Beim ausgelassenen Wandeln durch die Winterwelt schluckt einer der beiden Geister ein herabschwebendes Teilchen, das seinen Bauch hell aufleuchten lässt. Wie sich die Wesen darüber freuen: Herzallerliebst sehen sie aus, wenn sie die Münder zu einem breitem Grinsen verziehen und dabei die zwei großen Eckzähne zeigen. Doch das Leuchten im Bauch verändert alles. „Guri Gursjen & Gursjan Gru“ beschreibt das Außenseitertum zweier Punker, die es inmitten spießiger Nachbarn nicht leicht haben. Von einem einzigartigen Haustier, einem Mädchen, das ihre Stadt mit Tränen überschwemmt, und vom Zirkus Micro handeln die anderen drei Kurzfilme des Programms. Für Feinde des Trickfilms werden während der Festivalwoche aber auch zahlreiche Realfilme gezeigt.