16.04.2006 · Glück in Frankfurt. Glück für Frankfurt. Zum ersten Mal kann das mainische Publikum das Werk des Karikaturisten Gerhard Glück kennenlernen - einem der Großen seiner Zunft.
Von Hans Riebsamen„Viel Glück in Frankfurt“ hat die „Caricatura“, das Museum für Komische Kunst im Historischen Museum Frankfurt, ihre Ausstellung genannt. „Viel Glück in der Caricatura“ möchte man hinzufügen. Denn für das geplante Karikaturenmuseum an der Braubachstraße kommt diese Schau gerade zur rechten Zeit.
Jetzt, da mit Frankfurts Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff, der oberste Fürsprecher eines eigenen Hauses für die „Caricatura“ sich unter einer schwarz-grünen Stadtregierung vermutlich in die Zwangsrente verabschieden muß, bedarf das Projekt neuer Fürsprecher. Sollte sein Nachfolger nach weiteren Argumenten für das Braubachstraßen-Vorhaben suchen, mit der Glück-Ausstellung besitzt er jetzt eines. „Caricatura“-Chef Achim Frenz hat mit der Schau seinen Spürsinn unter Beweis gestellt, und Frankfurt hat wieder einmal allen gezeigt, daß es die deutsche Hauptstadt der Satire ist.
Leidenschaftlicher Perfektionist
Wer ist Gerhard Glück? Die Leser der „Neuen Zürcher Zeitung“ werden sich über diese Frage wundern, denn sie genießen seit Jahren ihren Glück. Der Satirekünstler aus Kassel füllt in jeder Ausgabe des NZZ-Folio, der Zeitschrift des Zürcher Weltblatts, eine Seite mit hintergründigem Witz. Die Schweizer Redaktion, so schildert Glück die Usancen, schlägt Themen vor, zum Beispiel Luftverschmutzung.
Er faxt Skizzen nach Zürich, dort entscheidet man sich für eine Vorlage, und Glück arbeitet sie zu Hause an seinem Schreibtisch zum perfekten Bild aus: ein undurchdringlicher Wolkenhimmel, darunter eine erstorbene Erde voller Kadaver. Nur in der Mitte ist der Himmel aufgerissen, ein strahlend blaues Ozonloch, darunter rundet sich eine mit einem hohen Zaun gesicherte grüne Oase des Wohlstands. „Haaallo!“ ruft ein reicher Freizeitmensch in die tote Welt auf der anderen Seite. „Können Sie mir mal meinen Federball rüberwerfen?“
Das ist eine politische Karikatur, ein Genre, das Glück auch beherrscht, doch in einer eher atypischen Weise ausfüllt. Er ist nicht der schnelle Zeichner, der mit schnellen Strichen einen schnellen Witz gewinnt. Glück muß man vielmehr einen Maler nennen, einen altmeisterlichen Mann, der es den alten Meistern nachmacht: ein leidenschaftlicher Perfektionist, ein geschickter Handwerker, der alle Techniken beherrscht und alles über Farben weiß. Und einen Humor besitzt, der weniger auf Pointen denn auf abgründige Beschreibungen setzt.
Liebenswürdige Bösartigkeit
Glücks eigentliche Leidenschaft, sein Lebensthema, heißt Kunst. Die klassische Kunst, die moderne Kunst, die mißbrauchte Kunst, die hochstaplerische Kunst, die Scheinkunst. Man kann Gerhard Glück geradezu einen Verteidiger der Kunst nennen, ein Satiriker, der sich mit fülligem Pinsel und spitzem Bleistift vor das Schöne, Wahre, Gute stellt und es vor schönen Neureichen, wahrheitsschändenden Scharlatanen und gutartigen Banausen beschützt. „Kunst & Co.“ hat er sein neues, gerade rechtzeitig zur Ausstellung im Lappan-Verlag erschienenes Buch genannt, und der Titel deutet darauf hin, daß ihm das Co., die kommerzielle Verwertung und der gschaftelhuberischen Mißbrauch der Kunst, ein Greuel ist.
Dieser Greuel trägt einen Namen: „Hedwig Mombach, Vorsitzende des Kasseler Vereins kulturinteressierter Plüschtiere e.V.“, eine Kuh mit Perlenkette, die so oder so ähnlich auf der Karlsaue oder einer anderen Kunstwiese der nordhessischen Metropole grast. Im Kassel zur Zeit der Kulturhauptstadt-Bewerbung blökten ganze Mombach-Herden kunstsinnig gewordener Damen in kunstfremdem Aktionismus durch die Stadt, Glück hat eine von ihnen in liebenswürdiger Bösartigkeit porträtiert.
Den Herrn, den er vor einem Großgemälde mit Scheißhaufen gemalt hat, „Bankvorstandsmitglied K. v. L. vor seiner Neuerwerbung ,Zeitgeist'“, trifft man dagegen häufiger in der Finanzmetropole Frankfurt an - die Glück übrigens gut kennt, denn er ist, wiewohl 1944 in Bad Vilbel geboren, hier aufgewachsen. Nach Kassel hat es ihn des Berufs wegen verschlagen, er hat dort Grafik und Kunsterziehung studiert und lange im Nordhessischen als Kunstlehrer seinen Lebensunterhalt verdient. Vor drei Jahren hat er sich beurlauben lassen und das Malen und Zeichnen zu seinem Hauptberuf gemacht.
Milder Humor
Der Kritiker Helmut Fuhrmann, der das Vorwort zu Glücks neuem Buch verfaßt hat, hat klug erkannt, daß dieser fast allen Dimensionen des Komischen Raum gibt. Er zeigt milden Humor, etwa wenn er ein Mädchen im Rüschenkleid durch eine Parklandschaft schaukeln läßt und dabei genau jenen Moment wählt, da die Stricke der Schaukel reißen: „Das Rokoko war eine Epoche großer Beschwingtheit.“
Eine Satire auf den gewerkschaftlich organisierten Kulturbetrieb kann man es nennen, wenn er mit bitterem Spott einen Geiger zeichnet, der den Konzertsaal verläßt, während seine Kollegen noch eifrig ihre Instrumente schrubben: „Paul Schluder war mal wieder wesentlich früher fertig als das restliche Orchester.“ Von einer Groteske, die einem ob ihrer Grauenhaftigkeit für einen Moment den Atem stocken läßt, muß man bei dem Bild „Ortrud Schweigert nach dem Besuch des Munch-Museums“ sprechen, das nach dem Vorbild von Munchs „Der Schrei“ eine häßliche Touristin mit weit aufgerissenem Mund auf einer Brücke stehend zeigt.
Ein großer Einzelgänger
Solche Kleinbürger, die das Große an der Kunst kleingeistig mißverstehen, tauchen immer wieder in Glücks Welt auf. Weil der Karikaturist diese kleinbürgerliche Seite an sich selber kennt, auch bekämpft, bevölkern kleine, dicke Menschen mit überdimensionierten Nasen seine Blätter: schunkelnde Ausflügler, die auf der zweiten Station der Busreise: „Erst Stadtrundfahrt, dann Kunstausstellung . . .:“ für eine halbe Stunde ins Museum einfallen, danach „. . . und nun kommen wir zu den alten Meistern“ im Saal mit den Breughels und Dürers wirklich auf die Alten treffen, auf glatzköpfige Rentner mit Krückstöcken nämlich.
Welcher Kunstrichtung Gerhard Glück zuzuordnen ist? Wiewohl in Frankfurt aufgewachsen, hat er nichts mit der Neuen Frankfurter Schule der Robert Gernhardts und Chlodwig Poths zu tun. Glück ist ein Einzelgänger unter den deutschen Karikaturisten. Ein großer Einzelgänger.