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Jugendbuchpreis : Gegen Schmutz und Schund

Sanftes Lämmchen Bild: Verlage

Vor 50 Jahren stiftete die Bundesregierung den Deutschen Jugendbuchpreis. Die Jugend sollte nur noch gute Bücher lesen. Jetzt wird der Preis wieder auf der Buchmesse verliehen.

          Timm Thaler hatte es nicht geschafft. Zugegeben, die Auswahlliste des Jahres 1963 war mit 18 Titeln nicht gerade lang und enthielt einige Werke, die inzwischen zur Weltliteratur gehören: Michael Endes „Jim Knopf und die Wilde 13“, Otfried Preußlers „Der Räuber Hotzenplotz“ sowie „Der kleine Nick“ von Jean-Jacques Sempe und Rene Goscinny.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Daß die Jury aber Timm Thaler und seinen Schöpfer James Krüss so komplett überging, hält die ehemalige Vorsitzende des für die Preisvergabe zuständigen Arbeitskreises für Jugendliteratur, Gundel Mattenklott, „bis heute für ein gravierendes Versagen“. Warum die Juroren damals so und nicht anders entschieden, läßt sich mit letzter Gewißheit nicht mehr klären. Die entsprechenden Unterlagen wurden vor einigen Jahren Opfer eines Wasserschadens.

          Die Nichtberücksichtigung hat James Krüss dann nicht weiter geschadet. Und auch Joanne K. Rowling wird es verschmerzen können, daß ihr Harry Potter die Auszeichnung nie bekommen hat. „Harry Potter und der Stein der Weisen“ schaffte es 1999 zwar auf die Auswahlliste in der Sparte Kinderbuch, die damals noch weitgehend unbekannte Autorin war zur Preisverleihung nach Frankfurt aber gar nicht erst gekommen. Daß Rowlings Harry Potter für einen umfassenden Kinder- und Jugendbuchboom sorgte, war für die damalige Jury nicht ausschlaggebend. „Weshalb sollte man Bücher auszeichnen, die sowieso Selbstläufer sind?“ fragt Otto Brunken, Literaturwissenschaftler und Vorsitzender der Kritikerjury.

          Schwarzes Schaf

          Nur gute, lehrreiche Bücher

          Der Deutsche Jugendbuchpreis, der 1981 in Deutscher Jugendliteraturpreis umbenannt wurde, war von Anfang an eine Staatsangelegenheit. Zunächst war das Bundesinnenministerium, dann das Bundesministerium für Familie und Jugend Stifter und Geldgeber. Seit 1996 wird der Jugendliteraturpreis während der Frankfurter Buchmesse verliehen. Für den neuen Vergabezeitpunkt entschied man sich aufgrund der schwindenden Bedeutung der Auszeichnung. Erst die Verlegung auf die Frankfurter Großveranstaltung hat dem Preis wieder die gewünschte Aufmerksamkeit beschert. Trotzdem ist das jugendliche Interesse an den Preisbüchern längst nicht mehr so groß wie früher.

          Neben anderen waren auch Erich Kästner, Carl Zuckmayer und Golo Mann dafür eingetreten, die deutsche Jugend aus der Enge, in die sie die Nationalsozialisten auch literarisch geführt hatten, durch wertvolle, der Völkerverständigung dienende Bücher zu befreien. Die erste Nachkriegsgeneration sollte nur gute, lehrreiche Bücher zur Hand nehmen, nicht den Schmutz und Schund, den es in Heftchenform an jedem Kiosk zu kaufen gab. Und noch etwas wollte man, wie Otto Brunken sagt - die „Türen zur Welt“ aufstoßen. Er erinnert sich noch gut an seine Kindheit in den späten fünfziger Jahren: „Für uns war es selbstverständlich, in die von der Jury ausgewählten Bücher hineinzuschauen.“

          Auch heute noch stammen mindestens ein Drittel der auf die Auswahllisten gelangten Bücher nicht aus Deutschland. Die Internationalität, die den einzigen jährlich vergebenen deutschen Staatspreis für Literatur bis heute fast einmalig macht, war allerdings lange einer der größten Kritikpunkte. Im Jahr 1963, als die Preise an den Tschechen Josef Lada und sein Kinderbuch vom „Kater Mikesch“ und an den Amerikaner Scott O'Dell für sein Jugendbuch „Die Insel der blauen Delphine“ vergeben wurden, schrieb diese Zeitung, mancher empfände das als einen Beleg „für die Zweckentfremdung von Bundesmitteln“, da diese Summen doch „der Förderung der deutschen Jugendliteratur dienen“ sollten.

          Preisrichter werden immer mutiger

          Über die damalige deutsche Jugendliteratur, die offiziell noch Schrifttum genannt wurde, weil man Büchern für junge Leser gemeinhin die literarische Qualität absprach, schreibt Peter Härtling: „Als meine Kinder zu lesen begannen, las ich mit und entdeckte eine Literatur, die sich ziemlich kindisch von der Wirklichkeit der Kinder weit entfernt hatte.“ Auch die Juroren waren erst 1974 bereit, ein Buch wie Härtlings „Das war der Hirbel“ auf die Auswahlliste zu setzen: Die Geschichte eines behinderten Heimkinds provozierte derart, daß sich Buchhändler weigerten, den Band zu verkaufen.

          Das Fernsehen brachte in der Folge weitere Modethemen auf. So ging es zwischen 1978 und 1994 in etwa einem Drittel aller Preisbücher um den Tod. Entdeckt wurde auch das Thema Nationalsozialismus: 1974 wurde Judith Kerrs „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ausgezeichnet. Selbst die Darstellung des sexuellen Mißbrauchs von Kindern war in den für sie bestimmten Büchern kein Tabu mehr. Insgesamt wuchs in den achtziger und neunziger Jahren die Zahl der sogenannten Problembücher, und die Entscheidungen der Preisrichter wurden immer mutiger.

          Erst nach fast einem halben Jahrhundert allerdings richteten die Preisstifter im Jahr 2003 für die sogenannten kleinen Leser schließlich eine eigene, unabhängige Jugend-Jury ein. Und diese zeigte den „Großen“ gleich im zweiten Jahr, wofür sich Jugendliche noch immer besonders interessieren: für Schmökerstoffe und Fantasygeschichten, die von der Kritikerjury der Erwachsenen meist vernachlässigt wurden. Die Zwölf- bis Achtzehnjährigen nominierten im Jahr 2004 „Harry Potter und der Orden des Phönix“ von Joanne K. Rowling.

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