Vielleicht sollte man Grillparzers „Jüdin von Toledo“ mal im Kontext der neuen Keuschheitsmode in den Vereinigten Staaten betrachten. Denn es gäbe einige Unglückliche weniger in diesem Stück, hätte nicht die Erziehung zu absoluter Tugendhaftigkeit die Leute darin so furchtbar verkorkst. Ganz abgesehen von den Vorurteilen gegen Andersgläubige, die auch beträchtliches Unheil auslösen. Dass man für derlei Lehren allerdings unbedingt Grillparzer braucht, darf auch nach der Neuinszenierung der „Jüdin von Toledo“ durch Konstanze Lauterbach am Staatstheater Wiesbaden bezweifelt werden.
Franz Grillparzers Drama in fünf Akten ist zwar gewaltig lang, in Jamben geschrieben, und ihm mangelt nicht an fürchterlichen, vielleicht sogar mitleiderregenden Begebenheiten. Die Geschichte der jungen, verführerischen Jüdin Rahel allerdings, die König Alfonso den Kopf verdreht, von ihm mehr oder weniger benutzt und schließlich der Staatsräson geopfert wird, aber ist zäh. Zumal die Vorurteile „der“ Christen „den“ Juden gegenüber nicht nur auf der Ebene der Figurenrede bleiben – auch in Wiesbaden, wiewohl die meisten dieser Passagen gestrichen sind, kriecht nun der geldgierige Isaak, Rahels Vater (Rainer Kühn), den Reichtümern hinterher. Staatstragödie, Glaubensdrama und die Geschichte eines Amour fou zwischen einer schönen Frau und einem kurzzeitig pflichtvergessenen Musterkönig wollen sich nicht recht zusammenfügen dabei. Das langatmige Drama wird nichtsdestotrotz immer wieder einmal ausgegraben – und wieder vergessen.
Erotik und deren obsessive Ablehnung
In ihrer auf zweieinhalb Stunden kondensierten Fassung hebt Lauterbach die Erotik und deren obsessive Ablehnung, die sich im Stück immer wieder manifestiert, hervor. Ein solch körperlicher Ansatz passt zu ihrem an Tanztheater erinnernden Inszenierungsstil, den die Musik von Ernst August Klötzke noch unterstreicht. Das Ensemble wird geradezu zu Bildern arrangiert, in von ihr selbst entworfenen reichen und ständig wechselnden Kostümen (Bühne Andreas Jander); auf dem blutroten Teppich aus kleinen Steinchen, die symbolträchtig in Kreise und Linien gelegt und schließlich als Mordinstrument verwendet werden.
Alexandra Finder tanzt und tänzelt mit als Rahel in durchsichtigen Kostümen, eine Kindfrau mit zuweilen piepsiger Stimme oder eine Lulu, eine „Törin“, wie ihre kluge Schwester Esther sagt, der Verena Güntner bis zum ebenfalls geänderten Schlusswort strenge Präsenz verleiht. Exaltiert ist Rahel und passt damit gut zu Sebastian Münsters Alfonso, der sich quält und hauptsächlich sich selbst leid tut, wenn er sich nicht in der Affäre mit Rahel vergisst, bis die beiden gar in den Kronleuchter beißen vor Lust – der ganze Gegensatz jener Szene, in der die Königin (Susanne Bard) versucht, den König mit gespreizten Beinen wiederzugewinnen. Immer wieder gelingt es Lauterbach, Raum, Körper und Klang zu solchen zum Teil beklemmenden Bildern zu fügen, bis das Opfer Rahels die Ordnung wiederherstellt.
Wenig mehr als eine üppig ausstaffierte Ahnengalerie
Doch weder lebende Bilder noch einige hübsche Scherze können über die Zähigkeit des Stücks und über Haltungen hinwegtäuschen, die allenfalls historisch interessant sind. Denn auch die Geschichte der femme fatale und des Machtmenschen ist zu dünn. „Die Jüdin von Toledo“, Ausgrabung Wiesbaden, ist wenig mehr als eine üppig ausstaffierte Ahnengalerie.

