15.03.2005 · Anti-Aggressionstherapie mittels harscher Dezibelschocks kann durchaus als probates Mittel der Entspannung funktionieren: „Judas Priest“ steht wieder in alter Erfolgsbesetzung auf der Bühne.
Von Michael KöhlerEine Ahnung von archaischen Männerritualen wie beim abenteuerlichen Überlebenstraining am Amazonas: Doch in der restlos ausverkauften Offenbacher Stadthalle wurden, anstatt mit Gewehr oder Bogen zu schießen oder das Lassowerfen zu üben, die Disziplinen Fäusterecken, Bierbecherheben, Schweißtreibende-Nahkämpfe-Ausfechten und Versonnen-Luftgitarre-Spielen erprobt.
Eine der letzten Bastionen testosterongesteuerten Aktionismus ergötzte sich in lockeren Verbänden an maskulinen Äußerlichkeiten wie hautenger Lederkluft, üppigem Bartwuchs und stoischer Trinkfestigkeit bei jenem Ereignis, welches seit Monaten von einschlägigen Medien als die Wiedervereinigung des Jahres gepriesen wurde: „Judas Priest“, die britischen Heavy-Metal-Favoriten der siebziger und achtziger Jahre, besannen sich unlängst auf ihre einstigen Tugenden und spielen mit dem nach 13 Jahren reumütig zurückgekehrten Frontmann Rob Halford wieder in jener Besetzung, in der sie ihre größten Erfolge feiern durften.
Hoffen auf ein Wunder
Donnerndes Getöse, als das Hallenlicht verlosch, das Röhren wuchtig verzerrter Gitarren, Baß, Schlagzeug und eine schrille Kopfstimme das Fundament der eher tristen Mehrzweckhalle erbeben ließen. Plötzlich waren sie da, über Aufzüge, verwinkelte, bis unter die Hallendecke reichende Planken und wie langgestreckte Tunnel wirkende Tore schritten „Judas Priest“ zum Scheitelpunkt der Bühne, die in ihrem Design an den Film „Armageddon“ erinnerte. Vor dem hellerleuchteten Eingang scharrten derweil jene mit den Füßen, die keine Karten mehr ergattern konnten, und hofften auf ein Wunder.
Das nach dem Bob-Dylan-Song „The Ballad Of Judas Priest“ benannte Quintett aus Birmingham ist seit gut 35 Jahren damit beschäftigt, sich sowohl in Dezibelwerten als auch in krassen Texten immer wieder selbst zu übertreffen. Schnörkellos und zügig reihten sich in den zwei Konzertstunden 21 Kostbarkeiten aus dem unerschöpflichen Liederschatzkästlein des Quintetts aneinander: Vergangenheit traf Gegenwart in Form eines Auszugs aus dem aktuellen Album „Angel Of Retribution“ - in einwandfreier Akustik und routinierter Spielfreude. Zumeist im schwindelig wirbelnden Up-Tempo-Stakkato gehalten und unterbrochen von gerade mal zwei balladesken Ruhepausen sowie den eilig gekrächzten Zwischenansagen des wie ein martialischer Pfau umherstolzierenden Frontmanns Rob Halford.
Rockgott mehrerer Generationen
Der mittlerweile 54 Jahre alte Sänger, Rockgott für gleich mehrere Generationen, ließ zum Grand Finale im stilechten Rockeroutfit mit zünftiger Lederkappe auf einer schweren Harley Davidson die Bühnenbretter ächzen und beteuerte, „todgeil auf Leder zu sein“. Vor einigen Jahren hatte er sich als homosexuell geoutet, doch das scheint nur den wenigsten der beinahe ausschließlich männlichen Fans bekannt zu sein - Schwulsein ist in der Welt des Heavy Metal auch 15 Jahre nach Freddie Mercurys Tod durch Aids noch immer ein Tabu.
Als schließlich die letzten wuchtigen Akkorde verklungen waren und das Hallenlicht erbarmunglos grell von der Decke strahlte, verharrten die Zuhörer gemeinsam für Sekunden regungslos. Es wirkte wie eine gemeinsam erlebte Erlösung: Die Geräuschorgie, die wie ein Tornado durch die Halle gefahren war, hinterließ durchweg zufriedene Gemüter wie nach einer gewonnenen Fußballpartie. So bleibt die verblüffende Erkenntnis, daß Anti-Aggressionstherapie mittels harscher Dezibelschocks durchaus als probates Mittel der Entspannung funktionieren kann.