03.08.2009 · Die Frankfurter lassen ihre Helden nicht allein: Heinz Sauer und Company spielen Jazz im Garten des Liebighauses. Sie spielten, mit zwei Ausnahmen, nur ganz freie Musik, während sonst eine Menge oder mindestens einige Evergreens im Programm sind.
Von Ulrich OlshausenDer Jazz ist nicht in dem Ausmaß Generationsmusik wie Pop und Rock. In den zeitgenössischen Spielarten kommt zwischen frühem Bebop und den Reaktionen auf den Free Jazz und immer mehr auch klassischer Musik so viel in so vielen Mischungen zusammen, dass Jazzhörer, einmal infiziert, zwangsläufig ein breites Geschmacksspektrum entwickeln und Nischen gar nicht mehr so recht vorfinden. Und das gilt für alle Altersstufen. Ein Zeichen dafür ist auch der vergleichsweise eklatante Mangel an neueren Stilbezeichnungen im Jazz.
Es gibt weder Trance-Jazz noch Ambient-Jazz, Speed-Jazz, Dark-House-Jazz, Trip-Hop-Jazz und so weiter noch ein eigenes Magazin für Gothic-Jazz. Bei den Spielern sind die Grenzen womöglich noch verwischter. Die jungen suchen den direkten Kontakt zu ihren Vorbildern; die älteren haben entweder Verantwortungsgefühl gegenüber dem Nachwuchs oder Lust auf neue Herausforderungen, oder – meistens – beides.
Unberechenbare Ausdruckskraft
Trotzdem ist der 31 Jahre alte Pianist Michael Wollny eine auffallende Erscheinung, der in relativ kurzer Zeit von zwei deutschen Weltstars seiner Väter-Generation zum Partner im diffizilen Duo-Format ausgesucht wurde, von Heinz Sauer und Joachim Kühn. Wollnys Ingenium ist eine Mischung aus respektvollem, aber keineswegs ehrfürchtigem Behauptungswillen der eigenen Errungenschaften und die manchmal fast bizarre Vielfalt der in den Ring der freien oder gebundenen Improvisation geworfenen Anregungen.
Nun waren Sauer und Wollny wieder mal zusammen im Konzert, und da sie sich ungern wiederholen, hatte ihr Treffen zwei neue Züge: Sie holten in Gestalt des Schlagzeugers Bertram Ritter einen weiteren Musiker in ihre Gesellschaft, und sie spielten, mit zwei Ausnahmen, nur ganz freie Musik, während sonst ja eine Menge oder mindestens einige Evergreens im Programm sind. In Sauers Tenorsaxophonton ist sozusagen das ganze Leben, abgründig unheimlich oder voll und ausbruchshaft, in der Farbgestaltung wegen der unnachahmlichen, variabel gleitenden Oberton-, sprich: Überblasanteile, voll unberechenbarer Ausdruckskraft. Anfangen konnte in den gerade für die freie Improvisation eher kurzen Stücken jeder mal.
Tänzerischer Spaß
Atmosphäre, rhythmischer Gestus und Motiv-Charakter wurden damit durch den Einfall eines Einzelnen auf den Weg gebracht aber nicht bindend bestimmt. Wollny ist gar nicht immer auf Gedankenaustausch aus, sondern hackt auch mal längere Zeit harte Ostinati in die Tasten oder „präpariert“ den Flügel durch Griff in die Saiten für verhaltene Stimmungen, beides dann Antrieb für Sauers in den zeitlosen Blues-Expressionen, aber nicht dessen Formen, wurzelndes Spiel. Sauer kann in anderen Stücken auch mal warten, wenn es über Wollny kommt, seine mittlerweile rasende, fast an Cecil Taylor erinnernde Technik an die Rampe zu fahren. Bertram Ritter akzentuierte mit uneigennützigem Gefühl fürs Ganze, konnte aber in den rhythmisch beschwingteren Stücken den tänzerischen Spaß deutlich befördern.
Einmal dachten die Musiker an Gershwins „Summertime“, was man nicht unbedingt merken musste. Und das Konzert endete leise mit einer Erinnerung an den im vergangenen Jahr bei einem Tauchunfall ums Leben gekommenen schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson mit dessen Stück „Believe Beleft Below“.
Ort angenommen
Dieter Buroch, der als Intendant des Mousonturms auch für diese Reihe „summer in the city“ verantwortlich ist, wird es nicht leicht haben, aus dem Park des Liebighauses wieder zurück ins Historische Museum zu kommen, wenn dessen Umbau beendet ist. Zu schön ist das Ambiente mit seinen Wiesen und alten Bäumen. Und schon bei diesem erst zweiten Konzert haben die Frankfurter Jazzfreunde den Ort angenommen: Geschätzte 800 dürften es wohl gewesen sein.