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Interview "Sex ist für mich etwas extrem Spirituelles"

23.10.2005 ·  In ihrer Heimat werden ihre Bücher nicht mehr verbrannt, nur noch zensiert: Bestsellerautorin Wei Hui, die bei der Buchmesse ihren neuen Roman „Marrying Buddha“ vorstellte, sieht Hoffnung für China, wie sie im Interview sagt.

Von Ralf Euler
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Wei Hui sorgte mit ihrem Roman „Shanghai Baby“, der 2001 auf deutsch erschien und die pure Lebenslust junger Chinesen mit unverblümter Offenheit schilderte, weltweit für Furore. In ihrer Heimat wurde das Buch als pornographisch und dekadent eingestuft und verboten. Heute lebt die 31 Jahre alte Chinesin in New York und Shanghai. Über diese Stadt, ihr Land und ihr neues Buch äußert sie sich im folgenden Interview.

Wie wichtig ist die Buchmesse für eine junge chinesische Autorin?

Ich finde den Trubel sehr aufregend, und natürlich ist es enorm wichtig, mein neues Werk auf der größten Buchmesse der Welt zu präsentieren. Vor allem aber freue ich mich, hier zu sein, weil ich Gespräche mit den Leuten führe, die mein erstes Buch, „Shanghai Baby“, verfilmen wollen.

Wie weit sind die Gespräche über den Film gediehen?

Die Verträge sind unterzeichnet. Ich bin Co-Autorin des Drehbuchs und hoffe, daß wir einen internationalen Star für die Rolle des Mark gewinnen, vielleicht wird auch Franka Potente dabeisein. Gedreht werden soll in Schanghai und in Berlin.

Shanghai Baby wurde in Ihrer Heimat verboten und verbrannt. Warum darf Ihr neuer Roman Marrying Buddha nun auch in China veröffentlicht werden?

China ist etwas offener als vor fünf Jahren. Außerdem bin ich inzwischen ein VIP, und die Regierung hat erkannt, daß „Shanghai Baby“ auch eine Werbung für das moderne China war. Aber ich mußte mit „Marrying Buddha“ Kompromisse eingehen. Der Titel wurde in „Mein Zen“, geändert, große Teile des Textes sind gestrichen, eine geplante Vorlesungsreise wurde abgesagt. Trotzdem haben wir 200 000 Exemplare allein im ersten Monat nach dem Erscheinen verkauft.

Shanghai Baby darf immer noch nicht publiziert werden?

Nein. Einmal verboten, für immer verboten. So ist das in China.

Vielleicht hat das Vorgehen der Zensoren auch mit dem Inhalt zu tun. Shanghai Baby beschrieb die Sehnsucht nach Freiheit, Liebe, Sex, Drogen - nach dem Westen. In Marrying Buddha ist das zentrale Thema Verantwortung.

Es geht vor allem um Spiritualität, mit Buddha als Symbol dafür. Sex spielt auch wieder eine Rolle, aber für mich ist Sex etwas extrem Spirituelles. Durch die Ekstase beim Liebesakt kann man eine höhere Bewußtseinsebene erreichen. Für Christen mag das schwer zu begreifen sein. Aber im Buch geht es ja auch um das Aufeinanderprallen östlicher und westlicher Kultur.

Sind Sie religiös?

Nein, ich bin Spiritualistin. Meinen Buddha kann man heiraten, kann ihn mit teuren Kleidern betören - und kann Sex mit ihm haben.

Sie sagen, Schanghai sei aufregender als New York.

Das stimmt. Seit dem 11. September 2001 ist New York verändert. Der Tag ist ein Symbol für die Krise der westlichen Zivilisation. Schanghai brodelt, ist ambitioniert, steckt voller Energie. Hier wächst das neue China.

Touristen kommen in die Stadt, um die Schauplätze ihres ersten Romans zu besuchen.

Vor allem Japaner. Die besuchen die Toilette, in der die Protagonisten meines Buches Sex hatten. Die Toilette ist eine Sehenswürdigkeit!

„Marrying Buddha“ ist im Ullstein Verlag erschienen, Preis: 18 Euro, ISBN 3-550-08620-2.

Quelle: F.A.Z., 23.10.2005, Nr. 42 / Seite R2
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Jahrgang 1960, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

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