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Im Porträt: Traute Hoess : Rote Rübe, Lili Marleen, Schimanski

Traute Hoess spielt von Donnerstag an „Je t´aime::Je t´aime” in Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

Sie hat unter Fassbinder gespielt. Nun sammelt sie eine neue Erfahrung zum Frankfurter Spielzeitbeginn: Ein Gespräch mit der Schauspielerin Traute Hoess.

          Detaillierte Regieanweisungen habe Fassbinder nicht gegeben. Traute Hoess erinnert sich an die Dreharbeiten zu „Berlin Alexanderplatz“. Als Studio diente die Deutsche Oper in Berlin, wo eine perfekte Zwanziger-Jahre-Kulisse aufgebaut worden war. „Du lachst immer“, habe Fassbinder ihr gesagt, als sie „geschminkt und geschniegelt“ zum Set gekommen sei. Das sei alles gewesen. In jener Szene, als sie Franz Biberkopf, gespielt von Günter Lamprecht, zum ersten Mal begegnet, musste sie in bayerischem Tonfall den Text sprechen: „Wo hast'n du deinen Arm g'lassen?“ Das habe Fassbinder „saukomisch“ gefunden, und er habe diesen Satz auch öfters anderswo wiederholt und sich jedes Mal darüber amüsiert. Überhaupt habe er immer gelacht, wenn ihm etwas gefallen habe: „Das war gewöhnungsbedürftig.“

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch in „Lili Marleen“ spielte Traute Hoess eine Rolle. Es war der Beginn einer intensiveren Arbeitsbeziehung, drei weitere Filme mit ihr waren geplant, aber Fassbinder starb 1982, gerade einmal 37 Jahre alt. „Er war ein Besessener, ein Charismatiker“, sagt die Schauspielerin. In seiner Gegenwart seien die Menschen produktiv geworden. Traute Hoess, die zwischen den Proben zu „Je t'aime:: Je t'aime“ in der Kantine der Städtischen Bühnen an ihrem Kaffee nippt, sinnt ein paar Sekunden lang den vergangenen Zeiten nach. Fassbinder habe Glamour in den deutschen Film gebracht und schöne Frauen, als die anderen Autorenfilmer noch „ganz woanders waren“. Sie denke oft darüber nach, was Fassbinder noch an Werken der Lichtspielkunst geschaffen hätte. Damals habe er nicht lange überlegt, ob er etwas drehen solle, er habe es einfach gemacht. Heute sprächen bei einer Produktion sehr viele Leute mit, und keiner traue sich mehr ohne Absicherung an ein Projekt.

          Studiert in der Zeit der Studentenbewegung

          Gekannt hatte man sich schon länger. Es gab genügend Berührungspunkte in der Sphäre der Münchner Theateravantgarde der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. „Damals war München noch sehr interessant, es gab die berühmte ,Deutsche Eiche', wo alle sich trafen“, erzählt die Darstellerin. Fassbinder hatte seine Theatertruppe, Traute Hoess studierte an der Otto-Falckenberg-Schule, aus der heraus sich das Theaterkollektiv „Rote Rübe“ bildete. Es war die Zeit der Studentenbewegung. Das Theater verstand sich als politische Kraft, und junge Schauspieler und Regisseure probten den Aufstand schon einmal auf der Bühne. Sie wurde zu einem Modell für gesellschaftliche Veränderungen, zu einer Experimentierfläche für politische und ästhetische Utopien. Traute Hoess glaubte fest daran, mit der Theaterkunst könne die Menschheit verbessert werden. Projekte mit Konstantin Wecker und Rio Reiser wurden verwirklicht.

          Traute Hoess 2008 bei „Herzschritt” in Frankfurt an der Seite von Roland Bayer
          Traute Hoess 2008 bei „Herzschritt” in Frankfurt an der Seite von Roland Bayer : Bild: Paul Englert

          1974 kam Fassbinder ans Frankfurter Theater am Turm, TAT abgekürzt. Er fragte Traute Hoess, ob sie mitkomme. „Ich hab irgendwie geglaubt, der verarscht mich. Warum, weiß ich auch nicht genau.“ Jedenfalls lehnte sie das Angebot ab, zumal sie gerade ein Engagement in Bremen angenommen hatte. Ihr erstes. Sie war auch zuvor schon Gast an der Bühne der Hansestadt gewesen. Denn die „Rote Rübe“ allein machte sie nicht glücklich: „Ich wollte auch das Gretchen spielen.“ In der Folge war sie in vielen großen Rollen des klassischen Repertoires zu erleben. Freiburg, Köln, Wuppertal, Bochum waren Stationen ihres Theaterlebens. Und Berlin, wo sie mit Peter Palitzsch und Heiner Müller am Berliner Ensemble gearbeitet hat. Sie wirkte in zahlreichen Filmen und Fernsehproduktionen mit, unter anderem bei den Schimanski-“Tatorten“.

          Seit voriger Spielzeit ist sie nach zehn Jahren als freie Schauspielerin wieder Mitglied eines Ensembles: Der Frankfurter Schauspielintendant Oliver Reese wollte sie von Anfang an fest engagieren, aus gesundheitlichen Gründen konnte sie jedoch nicht gleich zu Beginn seiner Ära nach Frankfurt kommen. Mittlerweile wohnt sie hier. In Fechenheim. Aber auch in Berlin hat sie noch eine Wohnung, zusammen mit ihrem Mann, dem Schauspieler Waldemar Kobus.

          Ein Stück mit Guckkastenbühne

          Nun spielt sie die tragende Rolle in dem Stück, das die Frankfurter Sprechtheatersaison 2011/2012 eröffnet. „Je t'aime:: Je t'aime“ von Bernhard Mikeska und Lothar Kittstein hat am Donnerstag im Bockenheimer Depot Premiere. Wie von den beiden nicht anders zu erwarten, handelt es sich nicht um ein Stück mit Guckkastenbühne. Die Zuschauer mischen sich vielmehr wieder unter die Schauspieler, können frei umherlaufen, haben Kopfhörer auf und können so die Gespräche zwischen den Gästen einer Geburtstagsparty belauschen, die eine alternde Filmdiva in ihrer Villa gibt. Auch für Traute Hoess eine neue Erfahrung: „Wir spielen inmitten der Menschen, das ist sehr spannend, das hab ich auch noch nie gemacht.“

          Aufhänger für diesen Theaterabend war der Film „Je t'aime, je t'aime“ von Alain Resnais aus dem Jahr 1968, der beim Filmfestival in Cannes gezeigt werden sollte, was wegen der Revolte allerdings ausfiel. So sei der Film nie richtig wahrgenommen worden. Von der Hauptdarstellerin aber sage man, sie hätte Starruhm erlangt, wenn der Film denn gezeigt worden wäre. In mittlerem Alter hat sie sich umgebracht. Das Stück erzähle eine Geschichte, sagt Traute Hoess, es gehe aber auch darum, was in einem Menschen ablaufe zwischen dem Moment des Erschießens und dem Eintritt des Todes. Muss noch viel geprobt werden? Nein, sagt Traute Hoess, das Stück sei so gut wie im Kasten. Gespielt wird es an einer Spielstätte, in der einmal das TAT untergebracht war. Alles, meint man manchmal, hänge mit allem zusammen.

          Quelle: F.A.Z.

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