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Im Gespräch: Anne Sofie von Otter : „Bei Barockmusik geht es immer um Leben und Tod“

  • Aktualisiert am

„Ach ja, diese hohen Spitzentöne!” Anne Sofie von Otter ist in Marc-Antoine Charpentiers „Médée” zu erleben, einer Produktion der Oper Frankfurt. Bild: Frank Röth

Am Pfingstmontag findet im Bockenheimer Depot die Frankfurter Erstaufführung von Charpentiers „Médée“ statt. Anne Sofie von Otter singt die Titelpartie. Ein Gespräch.

          Sie scheinen Trampelpfade der Musik bewusst zu meiden. Liegt das mehr an Ihrer Neigung oder an Ihrer Stimmlage?

          Es hat bestimmt mit meinem Temperament zu tun. Warum soll man immer das Gleiche tun? Dafür bin ich nicht gemacht.

          Finden Sie denn, dass Sänger heute grundsätzlich zu wenig Mut haben, sich mit neuer oder unbekannter alter Musik zu beschäftigen?

          Ich kann nur von mir sprechen. Jeder soll das tun, was er für richtig hält. In verschiedenen Stilen zu singen bereitet mir großes Vergnügen. Ich singe viel Mozart, Strauss, gebe Liederabende, interpretiere viel Barockmusik. Aber mich noch mehr zu spezialisieren, dazu habe ich keine Lust.

          Christa Ludwig hat Ihrer Autobiographie den Titel gegeben „. . . und ich wäre so gerne Primadonna geworden“. Wären Sie das auch gerne?

          Ich glaube, ich bin schon Primadonna genug. Ich habe in dreißig Jahren eine sehr gute Karriere gemacht, die immer noch weitergeht. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber um mehr Primadonna zu sein, muss man sich auch so präsentieren, wenn man nicht auf der Bühne steht. Wie Anna Netrebko oder Renée Fleming, über deren Privatleben genauso berichtet wird. Wenn ich nicht singe, kann ich ganz unbemerkt ich selbst sein.

          Christa Ludwig meinte wohl ihr Stimmfach des Mezzosoprans: Und sie wäre so gerne ein Sopran gewesen.

          Ach ja, diese hohen Spitzentöne.

          Kann eine Sängerin denn selbst erkennen, was für eine Stimme sie hat? Bisweilen werden sie ja geradezu in ein Fach gedrängt. Da kommt dann jemand und sagt: Du bist ja gar kein Sopran, du bist ein Mezzo!

          Es ist ja auch nicht eindeutig. Meine Stimmfarbe ist beispielsweise sehr hell. Vom Timbre her könnte ich ein Sopran sein. Oft ist meine Klangfarbe heller als die der Sopranistinnen, mit denen ich singe. Aber vom Umfang her bin ich ein glockenreiner Mezzo. Ich fühle mich wohl in der mittleren Lage, und ich habe diese typischen Übergangstöne des Stimmfachs. Ich singe viel lieber ein Es als ein E. Und das ist typisch Mezzo, B-Tonarten sowieso. Ich bin kein hoher Mezzosopran, aber ein leichter.

          Stimmt es, dass Sie die Mezzo-Rollen von Verdi nie gesungen haben?

          Nur das Requiem habe ich gesungen, sogar sehr früh. Das italienische Repertoire, mit Ausnahme von Bellinis Capuleti e i Montecchi, passt nicht zu meinem Stimmcharakter. Sonst aber möchte ich musikalisch alles Mögliche erforschen, von französischer Barockmusik bis zu Kurt Weill.

          Wagner haben Sie zwar gesungen, aber die Ortrud im Lohengrin nicht.

          Ja, das stimmt. Brangäne geht noch, Waltraute auch, weil es sehr erzählende Rollen sind. Aber dieses Aufgeregte, Giftige von Ortrud würde meiner Stimme nicht guttun.

          Reden wir über Charpentier. Ist die Médée eigentlich eine Sopran- oder eine Mezzo-Partie?

          Wenn es nach dem Original von 1693 geht, dann ist es ein Mezzo. Denn die Stimmung der Zeit liegt einen ganzen Ton tiefer als unsere moderne Stimmung. Die Frauenstimmen sind bei den Franzosen ohnehin oft nicht sehr hoch. Bei Rameau gibt es gelegentlich höhere Partien. Aber bei den Opern, die ich bis jetzt gesungen habe, bei Castor et Pollux von Rameau, Thésée von Lully und jetzt bei Charpentiers Médée, liegen die Frauenstimmen nicht hoch, während die Tenöre aus Tradition ganz hoch liegen.

          Ist es eine schwierige Rolle? Die Oper hat ja immerhin auch fünf Akte. Oder ist sehr stark gekürzt worden?

          Der Prolog ist nicht dabei, auch sonst gibt es einige Kürzungen. Aber es ist dennoch sehr lang, und meine Rolle ist umfangreich und anspruchsvoll, vor allem, was die zahlreichen Stimmungsumschwünge betrifft, von überaus lyrisch bis zu aggressiven Temperamentsausbrüchen. Das Werk ist unglaublich variationsreich, und ich bin voll der Bewunderung für Charpentier. Es ist eine sehr bedenkenswerte und singenswerte Oper, ein phantastisches Stück. Aber einfach ist es sicher nicht. Man braucht viel Vorbereitungszeit.

          Médée scheint den Stilisierungen, wie wir sie aus der Musik des 17. Jahrhunderts kennen, zu widersprechen. Das Geschehen ist geradezu psychologisch motiviert, es entspricht fast der modernen Auffassung von Musiktheater. Empfinden Sie das auch so?

          Ja, es gibt sehr viele Beziehungen zum modernen Theater, viele Anknüpfungspunkte. Und der Text ist sehr stark.

          Die Rolle der Médée ist allerdings keine sehr sympathische oder, sagen wir, zur Identifikation einladende. Wie geht man mit dieser Rolle einer Frau um, die aus Rache am untreuen Ehemann ihre Kinder ermordet und die ganze Welt verflucht?

          Die erste Hälfte der Tragödie wirkt noch sehr realistisch. Aber dann nimmt das Geschehen einen anderen Charakter an, Médées Haltung bekommt nahezu irreale Züge. Jedenfalls erscheint, was sie tut, keineswegs als etwas Humanes. Alles wird unwirklich, fast ein wenig spukhaft. Die Szenen sind dabei sehr kurz und oft sehr metaphorisch angelegt. Dennoch faszinierend und sehr wirkungsvoll. Und ich bin glücklich, dass ich das hier in Frankfurt machen darf.

          Opernaufführungen und Liederabende, Musik von Charpentier bis zu Kurt Weill, Pop mit Elvis Costello, Musik aus Theresienstadt, Jazz und Chansons mit Brad Mehldau. Das ist eine riesige Bandbreite. Wo fühlen Sie sich eigentlich am wohlsten?

          Immer, wenn ich Barockmusik singe, fühle ich mich, als ob ich nach Hause komme. Zu Beginn meiner Karriere habe ich viel in Chören gesungen. Dabei hat mich Nikolaus Harnoncourts Auffassung von Barockmusik sehr geprägt. Harnoncourts Haltung lautete immer: Barockmusik ist nicht nur ästhetisch schön, es geht immer auch um Leben und Tod.

          Die Fragen stellte Wolfgang Sandner.

          Quelle: F.A.Z.

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