23.04.2010 · So porentief rein und keimfrei wie in der Waschmittelwerbung mit Klementine klingt es zeitweise, als die Band Ich &Ich zu Gast in der Frankfurter Festhalle ist.
Von Michael Köhler, FrankfurtEin Auftakt, der die seltsame Situation des derzeit erfolgreichsten deutschen Pop-Duos perfekt umreißt: Als „Einer von Zweien“ empfiehlt sich Adel Tawil in der nahezu ausverkauften Frankfurter Festhalle mit ewigem Lächeln im füllig gewordenen Gesicht. Entschuldigen müssen die perfekten Manieren und die freundlichen Gesten des Berliner Sängers mit den ägyptisch-tunesischen Wurzeln die Dauerabwesenheit der zweiten Hälfte von Ich & Ich allerdings nicht: Annette Humpe, einst Frontfrau der anarchistischen Bilderstürmer Ideal, verzichtet wegen allabendlicher Attacken fürchterlichen Lampenfiebers seit geraumer Zeit auf ausgedehnte Konzertreisen.
Adäquaten Ersatz für die als Komponistin, Texterin und Produzentin unentbehrliche Humpe hält Tawil parat: Sängerin und Geigerin Maria Helmin integriert sich nahtlos in das Septett rund um die beiden Gitarristen Jan Terstegen und Thimo Sander. Wie beim sonntäglichen Kirchgang im Süden der Vereinigten Staaten gospelt Helmin sich im Hintergrund durch das stellenweise reichlich beliebige Repertoire aus drei Alben. Ins Rampenlicht tritt sie erst zur Zugabe, „Stadt“, dem Hit aus dem vorigen Jahr, bei dem sie abermals eine prominente Duett-Partnerin Tawils vertritt: Cassandra Steen.
Porentief rein und keimfrei wie in der Waschmittelwerbung
Wie die stilistisch verwandten Kollegen Xavier Naidoo und Laith Al-Deen versucht sich auch Tawil an deutschsprachigem Soul. So porentief rein und keimfrei wie in der Waschmittelwerbung mit Klementine klingt es, wenn er als sentimentaler Wunderheiler ein „Pflaster“ spendet, ungemein positiv „Nichts bringt mich runter“ beteuert und sich als allgegenwärtiger „Tröster“ mit angemessenem Weichspülfaktor besonders bei den Damen unentbehrlich macht.
Recht exotisch gestaltet sich das Spektakel, als Überraschungsgast Mohamed Mounir, ein in Ägypten populärer Sänger und Schauspieler, sich die von einer imposanten Lichtanlage überdachte Bühne mit Tawil teilen darf. „Yasemine“ interpretiert das ungleiche Paar im Duett, das daran anschließende „Habibi“ präsentiert Mounir im Alleingang. Wie eine obligatorische Pflichterfüllung wirkt hingegen das dreiteilige Akustik-Set auf Minipodest am anderen Ende der Halle, das Tawil nicht zum letzten Mal die direkte Tuchfühlung mit seinem Publikum erlaubt. Recht eindrucksvoll gelingt dem ehemaligen Mitglied der Teen-Formation The Boyz das ohne Band nur zur E-Piano-Begleitung gesungene Stück „Halt dich an deiner Liebe fest“ von Ton, Steine, Scherben. Doch beim mit Gefühlsgeplänkel überfrachteten Finale „Alleine tanzen“ klingt Soul dann wieder so authentisch schwarz, wie Kunstkäse ein reines Milchprodukt ist.
Die Gretchenfrage an jeden Feuilletonisten
Theodor Wedel (TheodorWedel)
- 23.04.2010, 21:53 Uhr