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Veröffentlicht: 03.05.2017, 14:11 Uhr

Staatstheater Mainz Die ganz, ganz große Show

Getanzte Wutausbrüche und familiäre Konflikte: Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero feiern „Hochzeit“ am Staatstheater Mainz. Mit Spielfreude, Witz und auch ein bisschen Rührung.

von
© Andreas Etter Auf dem Teppich zu bleiben ist definitiv nicht das Ziel bei „Hochzeit“ am Staatstheater Mainz.

Nach der vierten oder fünften Verbeugung ist die Applausordnung endgültig zusammengebrochen. Die erwachsenen Tänzerinnen beugen sich über die sieben Tanzmäuse im Grundschulalter, die in ihren himmelblauen Tutus nicht so recht wissen, ob sie nun gehen oder bleiben sollen. Das Publikum, völlig aus dem Häuschen, erhofft sich noch eine Zugabe. Schon nach der ersten Hälfte gab es standing ovations, die Pause selbst ist Teil der Party: das Publikum im Foyer eine Masse von Hochzeitsgästen, durch die hier ein Tänzerpaar, dort eine Musikerin streift.

Eva-Maria Magel Folgen:

Jeder hat in seinem Leben wohl schon mindestens eine Hochzeit miterlebt, hat in der Kohorte von Braut oder Bräutigam feindliche Verwandtschaft und längst vergessenen Schulfreunde getroffen und vielleicht, was ja gar nicht so selten ist, den zukünftigen Partner. Eine ideale Situation also, um kleine Studien des Menschseins zu betreiben, nicht allzu angestrengt über Liebe, Treue, Ehe, Rituale nachzudenken und vor allem: lautstark und bis in die Puppen zu feiern.

Nachdenklich-bizarre Szenen

Auch Letzteres erfüllen Choreograph Koen Augustijnen und seine Partnerin Rosalba Torres Guerrero mit „Hochzeit“, einem lebenssprühenden, musiksatten Tanz- und Theaterabend auf der Bühne des Großen Hauses im Staatstheater Mainz. Stattliche 180 Minuten dauert ihr Stück, der nicht enden wollende Applaus nicht mitgezählt. Dass da viel heiße Luft hätte rausgelassen werden können, die zahlreichen Variété-Nummern zumal – sei’s drum. Die meisten Hochzeiten ertragen so viele lächerliche Spiele und misslungene Wortbeiträge, dass ein wenig Langeweile bei einem Bühnenstück über das Phänomen Hochzeit quasi verpflichtend ist.

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Der Rest sprüht vor Tanz- und Spielfreude, es gibt Ironie und Witz und ein bisschen Rührung auch, für das Publikum vor allem, wenn es in die Brauthymne „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ einstimmt. Augustijnens Herangehensweise, sich der Improvisationen des Ensembles zu bedienen, um daraus die Struktur seines Stücks zu gewinnen, funktioniert deutlich besser als in seiner vorigen Arbeit für Tanzmainz „Sehnsucht, limited edition“. Mit Torres Guerrero gelingt ein unterhaltsamer, listiger, streckenweise durchaus auch nachdenklicher Abend.

Wobei das Prinzipielle und tiefer Gründende sich aus den Sprechtexten speist, zu denen die Musik schweigt: Joël Pommerats „Wiedervereinigung der beiden Koreas“, als Braut-Schau auch am Schauspiel Frankfurt zu sehen, taucht in absurd-komischen und nachdenklich-bizarren Szenen auf, auch Charles Mees „A Perfect Wedding“.

Hart erarbeitete Leichtigkeit

So entsteht ein Abend, der seinen Erfolg den 19 Tänzern und fünf Schauspielern des Mainzer Ensembles samt den Gästen ebenso verdankt wie der phantastischen Mainzer Band Vibes, die von Funkjazz über Balkanbeat bis Neue Deutsche Welle live einen eklektizistischen Sound erzeugt, der, gesungen von Tänzerin Gili Goverman, den ebenso bunten Tanz trägt: Von Passagen mit stilisierten Nationaltänzen und wildem Kasatschok über Schwoof bis hin zu den getanzten Wutausbrüchen und familiären Konflikten, die sich bei Hochzeiten ja gern mal entladen, wenn der Abend später und die Gesellschaft besoffener wird.

Verblüffend gut passen sich die Schauspieler zwischen die Tanzprofis ein, leisten sich witzige solistische Einlagen. Sprecherisches Talent entfalten die Tänzer. Überhaupt sieht man dem Abend, der fast die gesamte Bühnenmaschinerie ausnutzt, an, wie hart gearbeitet worden ist, um diese Leichtigkeit zu erzeugen. Eine ganz, ganz große Show, die Mainz sich und dem Publikum mal gönnt – insgesamt nur zehn Vorstellungen lang. Der Ansturm auf die Karten dürfte enorm sein.

Nächste Vorstellungen am 5., 13., 20. und 29. Mai, weitere bis 22. Juni jeweils um 19.30 Uhr.

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