15.07.2010 · Helmut Markwort spielt den Tod im „Jedermann“. Warum? Dumme Frage. Sein Herz schlägt fürs Theater, seit er in Darmstadt zur Schule ging.
Von Peter Lückemeier, FrankfurtMontagabend, kurz nach acht. Noch immer sirrt die Luft vor Hitze. Neben dem Dom, zwischen Schirn und Technischem Rathaus, legt ein älterer Herr, der wie Helmut Markwort ohne Brille aussieht, den Kopf in den Nacken und murmelt Worte in die Abendluft. Er trägt eine beigefarbene Hose, ein Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln, der Gürtel hängt unter dem moderaten Bauchansatz, er stemmt die Fäuste in beide Hüften und wirkt wie jemand, der Angst hat, seinen Text zu vergessen.
Drei hölzerne Bühnen sind über dem Archäologischen Garten aufgestellt, gut einen Meter hoch und über Treppen zu erreichen. Vorn auf der Bühne liegt schon der Hauptdarsteller des „Jedermann“, Ralf Bauer, in einer schwer symbolisch mit Goldstücken gefüllten Badewanne und langweilt sich ein bisschen. Schnell wischt noch jemand eine Pfütze von dem Kurzregen von den Planken der Bühne, dann klatscht Regisseur Wolfgang Kaus in die Hände, Musik erklingt.
Schauspieler sein, heißt warten
„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, ruft der Mann, der aussieht wie Helmut Markwort ohne Brille, in sein Mikro, das heutzutage Headset heißt. Seine Ausläufer werden im Haar befestigt, das Mikro sitzt ihm auf der Stirn wie einem Inder sein Kastenzeichen. Später, bei der Vorstellung, wird es von einem Hut verdeckt werden, denn der Tod trägt hier kein Gerippe-Kostüm, sondern geht als Clochard. Warum der „Jedermann“ mit dem Goetheschen „Vorspiel auf dem Theater“ beginnt, bleibt das Geheimnis des Regisseurs, der jetzt das Kommando gibt zum Einsatz für das eigentliche Stück. Es wird hier, was Hugo von Hofmannsthal sicherlich erfreuen würde, wenn er noch lebte, auf Hessisch gegeben und ist auf anderthalb Stunden verkürzt. Die Geschichte vom dem reichen Mann, der am Ende so arm dran sein wird, nimmt ihren Lauf. Die Kulisse könnte passender kaum sein: Auch das Technische Rathaus, mit Abbruchnetzen verhängt, ist ja dem Untergang geweiht.
Schon bald ist wieder Pause. Dann sitzt der Mann, der den Tod spielt, auf einem Stuhl an der Mauer und memoriert seinen Text; Schauspieler sein, heißt warten. Da fragt man sich, warum er sich das mit seinen 73 Jahren antut – er, der mit 29 der jüngste deutsche Chefredakteur war, der Magazine wie „Gong“ zum Erfolg führte, Zeitschriftentitel wie „Die Aktuelle“ oder „Ein Herz für Tiere“ erfand, der Mitinhaber von Antenne Bayern und Radio FFH ist, der zur journalistischen Legende wurde, als er mit „Focus“ ein zweites deutsches Nachrichtenmagazin ersann, schuf und leitete, von dem anfangs niemand glaubte, dass es Erfolg haben könnte. Und warum begibt er, über den seine Lebensgefährtin, die „Bunte“–Chefredakteurin Patricia Riekel, sagt, er sei schon als Chef auf die Welt gekommen, sich hier zurück ins Glied, unter die Knute eines Regisseurs, wo er doch sicherlich selbst tausend gute Regieeinfälle hätte?
Vom Theater zum Journalismus
Solche Fragen beantwortet Helmut Markwort, der jetzt auch wieder seine Brille trägt, einen Tag später im Bistro am Opernplatz. Markwort („ich bin immer pünktlich“) ist vor der Zeit erschienen und viel freundlicher, als er meist im Fernsehen wirkt. Seine Jahre sieht man dem Mann, der beim „Focus“ noch Anspruch auf 150 nicht genommene Urlaubstage hat, wirklich nicht an. Theater, sagt er, sei eben einfach seine Leidenschaft.
Schon früh ging er ihr nach, erst am Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt, dann als Statist am dortigen Staatstheater. Selbst zum Journalismus kam er durch die Schauspielerei. Als nämlich die Zeitung berichten sollte über das Laientheaterstück, in dem Markwort als Siebzehn- oder Achtzehnjähriger mitwirkte, ging er in die Redaktion des „Tagblattes“, doch der Lokalchef hatte keinen Platz und keine Leute. Markwort, schon damals hartnäckig, blieb so lange, bis der Mann den Schlüsselsatz sprach: „Setz dich hin, schreib’s selber.“ Das Ergebnis ließ sich drucken, und ein lebenslanges Kürzel bekam er auch gleich verpasst: mt.
Theater aus Leidenschaft
Doch momentan geht es in Frankfurt nicht ums Schreiben, sondern ums Spielen. Den Text hat der Journalist schon daheim gelernt, dann aber festgestellt, dass er durch das Agieren auf der Bühne abgelenkt wird: „In dem Moment, wo ich den Sarg zu mir ziehen muss, konzentriere ich mich so auf diese Bewegung, dass ich den Text vergessen habe.“ Bis zur Premiere jedenfalls hat er noch ein wenig Zeit, sich alles einzuprägen. Eine Bleibe hat er für die Frankfurter Zeit im 29. Stock des Eurotheums gefunden, auch in der „Focus“-Redaktion am Opernplatz lässt sich lernen.
Und die schauspielerischen Zukunftspläne? Die Rolle im „Sommernachtstraum“ im Freilichttheater Weingarten am Bodensee musste er aus Termingründen ausschlagen. Aber „Der Datterich“, in dem Markwort inmitten von Freunden und Liebhabern seit Jahren den Dummbach gibt, ist bald wieder an der Reihe. Theater, sagt er, sei eben einfach seine Leidenschaft.
Peter Lückemeier Jahrgang 1950, Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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