19.01.2010 · Gitarrenschlachtschiff: „Heavy Trash“ spielen im Frankfurter Mousonturm ein zügelloses Rockabilly-Konzert.
Von Alexander Köhn, FrankfurtEs bedarf wenig Phantasie, um sich die Szene vorzustellen: Jon Spencer und Matt Verta-Ray, zwei alte Recken des Garagenrock und Bluespunk, sitzen in einem schummrigen Hinterzimmer beisammen und improvisieren auf ihren Gitarren. Ein paar Bier später schauen sie sich an, streichen einmal durch die sauber frisierte Tolle und beschließen, das Ganze als Platte zu veröffentlichen. Ob sich die Geburts-stunde der Formation „Heavy Trash“ tatsächlich so abgespielt hat, ist nicht verbürgt. Dass jene Ergebnis ungezwungenen Musizierens ist, steht jedoch außer Frage. „Wir hatten Mikrofone und ein Aufnahmegerät. Also haben wir einfach den Knopf gedrückt“, erinnert sich Verta-Ray an die Anfangstage. Nach nunmehr drei Alben ist „Heavy Trash“ allerdings dem bloßen Projektstatus entwachsen, wie sich beim Konzert im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm zeigte.
„Rock and Roll, Ladies and Gentlemen.“ Mehr braucht Jon Spencer nicht zu sagen, um einen Song anzukündigen und gleichzeitig den Stil seiner Combo zu beschreiben. Es sind die wilden Heiligen des Rockabilly, Gene Vincent, Duane Eddy und natürlich der blutjunge Elvis Presley, die den verschrammten Songs der beiden Gitarristen Pate stehen. Gepaart mit der Rohheit des Punk, entsteht so eine hitzige Roots-Musik, die vom ersten Akkord der Eröffnungsnummer „Crazy Pritty Baby“ an die Zuschauer in Aufruhr versetzt.
Stilecht in Anzug und Hemd
Die meisten von ihnen sind zweifellos wegen Jon Spencer nach Bornheim gekommen. Als Chef einflussreicher Gruppen wie „Pussy Galore“, „Boss Hog“ oder der „Blues Explosion“ hat sich der erstaunlich alterslos wirkende Amerikaner längst einen Ikonenstatus erarbeitet. Es wäre indes falsch, ihn auch bei „Heavy Trash“ als Alphatier zu sehen. Wenngleich er auf der Bühne dank seiner fordernden Körpersprache die Blicke auf sich zieht und mit nach hinten überkippender, manchmal leicht übersteuert klingender Stimme den Gesang übernimmt, ist es doch sein musikalischer Partner Matt Verta-Ray, der auf der halbakustischen E-Jazz-Klampfe, einem Schlachtschiff von einer Gitarre, die prägnantesten Akzente setzt.
Wie schon im Studio, wo sich „Heavy Trash“ wiederholt für eine angenehm nachlässige Abmischung ihrer Songs entschieden, geht auch live stets Emotion vor Kalkül. Genussvoll lassen Spencer und Verta-Ray, stilecht in Anzug und Hemd gehüllt, Lieder aufeinanderknallen. Dass die Gruppe dabei ausgesprochen eingespielt und druckvoll klingt, verdankt sie nicht bloß dem blinden Verständnis ihrer beiden Protagonisten. Immerhin gehören mit Simon Chardiet am Bass, einer kleinen Berühmtheit des untergründigen Rockabilly, sowie dem tief über die Trommeln gebeugten „Lambchop“-Drummer Sam Baker zwei schlagfertige Musiker der Bühnenbesetzung an. Sicher ist die personelle Konstellation ein Grund dafür, dass sich „Heavy Trash“, von einigen Stippvisiten abgesehen, mit der neuen Platte „Midnight Soul Serenade“ im Gepäck zum ersten Mal auf eine ausgedehnte Europatour begeben.
Auf der Frankfurter Setlist steht neben aktuellen Nummern allerdings auch älteres Material, aus dem besonders der Hüftschwinger „Justine Alright“ und das nicht enden wollende, sich immer wieder aufbauschende „They Were Kings“ hervorstechen, mit dem die Band nach rund neunzig Minuten und erfrischend zügellosen Zugaben den Abend beschließt.