Home
http://www.faz.net/-gzk-74a81
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Hans Taxler erhält den Grimm-Preis Hänsel und Gretel im Spessart

Hans Traxler, Schöpfer der legendären Wissenschaftssatire „Wahrheit über Hänsel und Gretel“ von 1963, bekommt in Hanau den Grimm-Preis.

© dpa Vergrößern Erhält den Ludwig-Emil-Grimm-Preis: Hans Traxler.

Der Cartoonist Hans Traxler, der in Frankfurt lebt, wird am Samstag mit dem Ludwig-Emil-Grimm der Stadt Hanau für sein Lebenswerk geehrt. Die Kommune beweist mit der Auszeichnung auch Humor: Der Geehrte hat 1963 mit der „Wahrheit über Hänsel und Gretel“ eine Wissenschaftssatire verfasst, die Kreise weit über die Region hinaus gezogen hat und am Ende die ganze Nation gespalten.

Agnes Schönberger Folgen:    

Der Beharrlichkeit des Aschaffenburger Oberstudienrats Georg Ossegg verdankt die Wissenschaft die Entdeckung, dass Hänsel und Gretel wirklich gelebt haben. Der Hobby-Archäologe hatte getan, was vor ihm noch niemand gewagt hatte. Ossegg nahm das Märchen als Tatsachenbericht. Wie einst Heinrich Schliemann die Ilias nicht als Volkssage abgetan hatte, so glaubte auch er an die tatsächliche Existenz von Hänsel und Gretel. Ossegg begab sich unter die „Spatenforscher“ und machte vor 50 Jahren in der Nähe Aschaffenburgs nicht nur den Ort ausfindig, an dem einst das Elternhaus des Geschwisterpaares gestanden hatte. Er grub auf einer Anhöhe im Spessart nördlich von Laufach sogar die Fundamente des Hexenhauses und den Backofen mit dem verkohlten Skelett einer Frau aus.

Mehr zum Thema

„Ich löste eine Lawine aus“

Der Studienrat zögerte zunächst, seine Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, fürchtete, wie er sagte, den Zorn der Märchenliebhaber. Schließlich konnte er den Brüdern Grimm nachweisen, „einen Kriminalfall aus frühkapitalistischer Zeit umgedichtet“ zu haben. Nach seiner Theorie waren die vermeintlich lieben Geschwister Verbrecher und die vermeintlich böse Knusperhexe war das unschuldige Opfer des habgierigen Hofbäckers Hans Metzler. Vor dessen Nachstellungen soll die erfolgreiche Bäckerin in den einsamen Spessart geflohen sein. Aufgrund seiner Funde kam Ossegg zu dem Schluss, dass Hänsel und Gretel die Einsiedlerin erwürgt und in den Ofen geworfen hatten, um in den Besitz eines Lebkuchen-Geheimrezepts zu gelangen und selbst nach ihm zu arbeiten.

Als Hans Traxler 1963, im Jubiläumsjahr von Jakob Grimms 100. Todestag, über Osseggs Forschungen berichtet und das Buch „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ veröffentlicht, ist das Medienecho enorm. „Ich löste eine Lawine aus“, schreibt der Frankfurter Autor Jahre später. In den Zeitungen erscheinen überwiegend positive Rezensionen. Die Frankfurter Rundschau bescheinigt Ossegg, das erste märchenarchäologische Werk der Weltgeschichte verfasst zu haben. Die Abendzeitung spricht vom „Buch des Jahres, vielleicht des Jahrzehnts“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung empfiehlt die „aufmerksame Lektüre des packenden Forschungsberichtes“. Das Kulturamt der Stadt Recklinghausen lädt Ossegg zu einem Vortrag ein. Doch der kann dem Ruf nicht folgen. Denn es gibt ihn nicht.

Deutscher Karikaturenpreis für sein Lebenswerk

Traxler hatte, angeregt von dem populären Archäologieklassiker „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C.W Ceram eine Satire auf das in Deutschland grassierende Ausgrabungsfieber verfasst. Sein Pech: Die meisten Leser erkennen die Wissenschaftsparodie nicht. Touristen und Schulklassen pilgern in den Spessart, um nach den Fundamenten des Hexenhauses zu graben. „Die Wunschvorstellung, Hänsel und Gretel hätten wirklich gelebt, war wohl stärker als jeder Zweifel“, wundert sich Traxler, der geglaubt hatte, genügend deutliche Hinweise auf den Schwindel im Text und in den Bildern versteckt zu haben. Selbst Theodor W. Adorno soll in einer Vorlesung auf das Buch eingegangen sein und gesagt haben: „‘Die Wahrheit über Hänsel und Gretel‘ zeigt, wie Phantasie heute, wenn sie mehr als Reproduktion von Fakten gibt, erkrankt sein kann.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Verbindung nach Fulda Vorentscheidung über ICE-Trasse rückt näher

Seit zwei Jahren wird wieder an einer besseren Eisenbahnverbindung nach Fulda und Würzburg gearbeitet. Die Vorentscheidung über die künftige Trasse soll bis 2017 fallen. Mehr Von Manfred Köhler, Frankfurt

17.01.2015, 08:16 Uhr | Rhein-Main
Johannes Willms über Tugend und Terror

Mit dem neuen Buch über die französische Revolution von 1789 hat der Publizist Johannes Willms sein Lebenswerk gerundet. Im Gespräch mit Nils Minkmar geht es um die Frage, ob Revolutionen heute noch möglich sind - oder sofort zum Scheitern verurteilt. Mehr

10.10.2014, 14:16 Uhr | Feuilleton
Preis der deutschen Zeitungen So muss Karikatur sein

Mit Spannung ist die Verleihung des Karikaturenpreises der deutschen Zeitungen erwartet worden. Jetzt stehen die drei Gewinner fest, und der Hauptpreis hat mit Klaus Stuttmann den Richtigen getroffen. Mehr Von Andreas Platthaus

26.01.2015, 19:00 Uhr | Feuilleton
Philippinen Papst feiert mit Millionen Gläubigen Redkordmesse

In der philippinischen Hauptstadt Manila hat Papst Franziskus mit sechs Millionen Gläubigen Gottesdienst gefeiert. Es war der Abschluss seiner Asienreise. Mehr

18.01.2015, 14:22 Uhr | Gesellschaft
Greser-und-Lenz-Karikaturen Hanau nimmt Absage der Ausstellung zurück

Kehrtwende um 180 Grad: Hanau will offenbar doch die Werke der Karikaturisten Greser und Lenz zeigen. Die Absage einer Ausstellung war publik geworden und von dem Zeichnerpaar als Sieg der Terroristen gewertet worden. Mehr Von Luise Glaser-Lotz, Hanau

20.01.2015, 10:21 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.11.2012, 19:31 Uhr

K.-o.-Sieg ohne Gegner für den Eintracht-Präsidenten

Von Marc Heinrich

Peter Fischer bleibt Präsident von Eintracht Frankfurt. Er ist ein Präsident, der vieles richtig gemacht hat, um das anhaltende Wachstum des Klubs zu fördern. Sein Herausforderer schaffte es nicht, für Wechselstimmung zu sorgen. Mehr 1