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Hans Taxler erhält den Grimm-Preis Hänsel und Gretel im Spessart

Hans Traxler, Schöpfer der legendären Wissenschaftssatire „Wahrheit über Hänsel und Gretel“ von 1963, bekommt in Hanau den Grimm-Preis.

© dpa Erhält den Ludwig-Emil-Grimm-Preis: Hans Traxler.

Der Cartoonist Hans Traxler, der in Frankfurt lebt, wird am Samstag mit dem Ludwig-Emil-Grimm der Stadt Hanau für sein Lebenswerk geehrt. Die Kommune beweist mit der Auszeichnung auch Humor: Der Geehrte hat 1963 mit der „Wahrheit über Hänsel und Gretel“ eine Wissenschaftssatire verfasst, die Kreise weit über die Region hinaus gezogen hat und am Ende die ganze Nation gespalten.

Der Beharrlichkeit des Aschaffenburger Oberstudienrats Georg Ossegg verdankt die Wissenschaft die Entdeckung, dass Hänsel und Gretel wirklich gelebt haben. Der Hobby-Archäologe hatte getan, was vor ihm noch niemand gewagt hatte. Ossegg nahm das Märchen als Tatsachenbericht. Wie einst Heinrich Schliemann die Ilias nicht als Volkssage abgetan hatte, so glaubte auch er an die tatsächliche Existenz von Hänsel und Gretel. Ossegg begab sich unter die „Spatenforscher“ und machte vor 50 Jahren in der Nähe Aschaffenburgs nicht nur den Ort ausfindig, an dem einst das Elternhaus des Geschwisterpaares gestanden hatte. Er grub auf einer Anhöhe im Spessart nördlich von Laufach sogar die Fundamente des Hexenhauses und den Backofen mit dem verkohlten Skelett einer Frau aus.

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„Ich löste eine Lawine aus“

Der Studienrat zögerte zunächst, seine Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, fürchtete, wie er sagte, den Zorn der Märchenliebhaber. Schließlich konnte er den Brüdern Grimm nachweisen, „einen Kriminalfall aus frühkapitalistischer Zeit umgedichtet“ zu haben. Nach seiner Theorie waren die vermeintlich lieben Geschwister Verbrecher und die vermeintlich böse Knusperhexe war das unschuldige Opfer des habgierigen Hofbäckers Hans Metzler. Vor dessen Nachstellungen soll die erfolgreiche Bäckerin in den einsamen Spessart geflohen sein. Aufgrund seiner Funde kam Ossegg zu dem Schluss, dass Hänsel und Gretel die Einsiedlerin erwürgt und in den Ofen geworfen hatten, um in den Besitz eines Lebkuchen-Geheimrezepts zu gelangen und selbst nach ihm zu arbeiten.

Als Hans Traxler 1963, im Jubiläumsjahr von Jakob Grimms 100. Todestag, über Osseggs Forschungen berichtet und das Buch „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“ veröffentlicht, ist das Medienecho enorm. „Ich löste eine Lawine aus“, schreibt der Frankfurter Autor Jahre später. In den Zeitungen erscheinen überwiegend positive Rezensionen. Die Frankfurter Rundschau bescheinigt Ossegg, das erste märchenarchäologische Werk der Weltgeschichte verfasst zu haben. Die Abendzeitung spricht vom „Buch des Jahres, vielleicht des Jahrzehnts“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung empfiehlt die „aufmerksame Lektüre des packenden Forschungsberichtes“. Das Kulturamt der Stadt Recklinghausen lädt Ossegg zu einem Vortrag ein. Doch der kann dem Ruf nicht folgen. Denn es gibt ihn nicht.

Deutscher Karikaturenpreis für sein Lebenswerk

Traxler hatte, angeregt von dem populären Archäologieklassiker „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C.W Ceram eine Satire auf das in Deutschland grassierende Ausgrabungsfieber verfasst. Sein Pech: Die meisten Leser erkennen die Wissenschaftsparodie nicht. Touristen und Schulklassen pilgern in den Spessart, um nach den Fundamenten des Hexenhauses zu graben. „Die Wunschvorstellung, Hänsel und Gretel hätten wirklich gelebt, war wohl stärker als jeder Zweifel“, wundert sich Traxler, der geglaubt hatte, genügend deutliche Hinweise auf den Schwindel im Text und in den Bildern versteckt zu haben. Selbst Theodor W. Adorno soll in einer Vorlesung auf das Buch eingegangen sein und gesagt haben: „‘Die Wahrheit über Hänsel und Gretel‘ zeigt, wie Phantasie heute, wenn sie mehr als Reproduktion von Fakten gibt, erkrankt sein kann.“

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