Die Bahn, sonst so häufig gescholten, erweist sich für die Reise von Frankfurt zur Art Cologne als unüberbietbar bequem: Kaum hat man sein Frühstücksbrot verspeist und das Wichtigste in der Zeitung überflogen, schon ist das Ziel erreicht - nach einer Stunde und elf Minuten hält der ICE im Bahnhof Köln-Deutz. Von dort sind es nur ein paar Schritte zu den Messehallen, und hier zeigt sich die 37. Internationale Kölner Kunstmesse in gewohnter Unübersichtlichkeit: Nur Menschen mit ausgeprägtem Ortssinn schaffen es, ihren Weg ohne Umweg zu finden. 250 Galerien aus 22 Ländern präsentieren in diesem Jahr ihre Angebote, die wie immer von der klassischen Moderne bis zur Kunst von übermorgen reichen, ein abermals überwältigendes Programm. Und so kann spätestens nach drei Stunden der Gedanke aufkommen, wie angenehm jetzt Austauschaugen und -füße wären.
Wer am Stand der Frankfurter L.A. Galerie einen Blick in die zwei mannshohen Spiegel des kanadischen Künstlers Ken Lum wirft, sollte sich allerdings von den dort transparent aufgedruckten Worten "I can't go on like this" und "I can't keep this up anymore" nicht entmutigen lassen. Es handle sich bei diesen Sätzen um Aussagen, die Ärzte als Signale einer depressiven Erkrankung werteten, sagt der Galerist - für die häusliche Garderobe sind die Spiegel also wohl weniger geeignet. Weniger sophisticated, aber besonders anziehend wirkt eine Fotoarbeit in zumeist schönen verhaltenen Blautönen, die an der gegenüberliegenden Wand zu sehen ist: David Hilliard schildert hier das beschauliche Leben seines alten Vaters in einem kleinen amerikanischen Ort. Das Triptychon mit dem Titel "Dad" besteht aus einem Stilleben mit Gartengeräten, dem Porträt des weißhaarigen Mannes und einer Ansicht der Umgebung.
Lothar Albrecht ist einer der etwa 20 Galeristen aus Frankfurt und der Rhein-Main-Region, die an der Art Cologne teilnehmen. An seinem Nachbarstand zeigt die Frankfurter Galeristin Monika Reitz dynamische Kopfsprünge eines stattlichen Herrn auf einer Fotoserie der jungen Frankfurter Künstlerin Tamara Grcic, jüngst entstandene strahlend gelbe Malerei von Renee Levi und Christopher Mullers sanfte Alltagsstilleben. "Studio in the Woods" Eamon O'Kanes Atelierbild, das er dem verstorbenen Künstler Martin Kippenberger gewidmet hat, wurde bei Schuster schon am Eröffnungsabend verkauft. Nicht so leicht wird das attraktive Monumentalgemälde "Schlafende" von Sabine Dehnel an den Mann zu bringen sein: Ein privater Sammler habe nur selten eine Wand, auf die ein Bild von drei Meter mal 3,80 Meter passe, sagt der Frankfurter Galerist. Die Mainzer Galeristin wartet mit einem reizvollen Ensemble dunkler Materialbilder von Hannsjörg Voth auf.
Blickfang am Stand der Friedberger Galerie sind ein kinetisches Objekt von Gerhard von Graevenitz aus dem Jahr 1964 sowie das bei aller Kargheit so prachtvolle monochrom graue Gemälde mit dem weißen Bumerang in der oberen Ecke, das Eric in der Görbelheimer Mühle, dem Sitz der Galerie, in diesem Jahr gemalt und mit dem naheliegenden Titel "boomerang" versehen hat. Beim Frankfurter Galeristen Appel fällt die strenge dunkle Malerei von Max Cole ins Auge, am Stand des ebenfalls in Frankfurt ansässigen Kunstvermittlers "Die Galerie" steht das 1923 entstandene Bild "Les vases communicants" im Mittelpunkt einer Präsentation mit hervorragenden Werken aus Surrealismus und Cobra.
Eine Hand, über die rote Wölfe laufen, hat Max Neuman 2002 im großen Format gemalt. Das suggestive Gemälde ist mit anderen Werken des Künstlers bei Rothe zu sehen. Meyer-Ellinger hat Thomas Bayrles herrlichen "Gothischen Schinken" von 1980/84, späte Gouachen von Emil Schumacher und einige von Richard Serras wunderbaren Radierungen aus dem Zyklus "Venice Notebook" mitgebracht. Beim Bad Homburger Galeristen Scheffel gehören die Holzskulpturen des David Nash zu den starken Eindrücken. Wilma Tolksdorf offeriert die ungewöhnlichen Fotografien von Valie Export aus den siebziger Jahren. Bei Bärbel Grässlin kann man auf Franz Wests farbenprächtigen Onkelstühlen Platz nehmen, das weiße Paßstück des Künstlers bewundern oder sich an Tobias Rehbergers bezaubernden Zeichnungen "Mr. and Mrs. Italy 1962" erfreuen. (Bis Sonntag, 2. November, täglich 11 bis 19 Uhr.) Konstanze Crüwell

