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„Grimms Märchen“ als Ballett : Pech für Schneewittchen: Die Oma hasst Märchen

Getanzt wird fulminant, witzig und anspielungsreich bis in die Fingerspitzen: Szene aus „Es war einmal … Grimms Märchen für Eilige” in Wiesbaden Bild: Martin Kaufhold

In jeder Socke steckt ein Gag: „Grimms Märchen“ als nicht sehr eiliges Ballett im Großen Haus des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden. Getanzt wird fulminant, witzig und anspielungsreich bis in die Fingerspitzen.

          In Märchen steckt mehr als Kinderkram – eine Binsenweisheit. Aber man muss nicht Strukturalist oder Psychoanalytiker sein, um sich interessiert über die Märchen der Brüder Grimm zu beugen, man kann das auch im Tanz tun. Eilig sollte man es allerdings nicht haben, insofern führt der Titel in die Irre, den Ballettdirektor Stephan Thoss dem neuen Abend am Staatstheater Wiesbaden gegeben hat: „Es war einmal … Grimms Märchen für Eilige“ heißt das dreiteilige Stück, das zweieinviertel Stunden dauert, und die können auch ganz schön lang werden. Vor allem der bunte, komische letzte Teil, den Thoss selbst choreographiert hat – auch wenn am Ende gerade ihm ein begeistertes Publikum außerordentlich viel Applaus spendet. Der sicher auch der geradezu überbordenden Ausstattung gilt: In jeder Socke steckt ein Gag.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Es war einmal …“ wurde von Till Kuhnert (Bühne) und Carmen Maria Salomon (Kostüme) durchgehend gestaltet. Die Choreographie hingegen ist geteilt: Zu Beginn liefern Yuki Mori und Mirko Guido, zwei Tänzer des Ensembles, eigene kurze Akte ab, die zu dem Märchen-Showdown leiten sollen, den Thoss sich ausgedacht hat. Beide haben schon an der Staatsoper Hannover unter Thoss’ Direktion choreographiert, von Mori war 2008 ein kurzes Stück, „Fragments of Blue“ in der Wartburg zu sehen. Er hat auch diesmal einen dunklen, leise melancholischen Ton, ohne die Hochgeschwindigkeitsakrobatik seines Ballettdirektors, aber dessen Stil sonst verwandt, nicht nur im Tanz selbst, sondern auch in der räumlichen Gestaltung, die Lichtregie eingeschlossen.

          Einander Zugeneigte und Störende

          Mori lässt zu Musik von Fazil Say eine bis auf einen Slip nackte Tänzerin (Kihako Narisawa), die entblößte Brust schamhaft mit den Armen verhüllend, sobald sie sich dem Publikum zuwendet, in eine geradezu feindselig kalte Welt fallen, schwarz auf schwarz, der nur ein weißes, dann farbiges Licht-Rechteck, das an- und abschwillt, und vom Bühnenhimmel herabragendes Gestänge Struktur geben. Einander Zugeneigte und Störende erscheinen in ineinanderfließenden Szenen – getanzte Aktantentheorie gewissermaßen. Mirko Guido hingegen versucht sich an einem komisch angelegten Stückchen im Thoss sehr ähnlichen Stil und lässt Sandro Westphal als dick ausgepolsterte märchenhassende Oma schwadronieren, die selbst ein Märchen für ihre krakeelende Enkelin (Emilia Giudicelli) erfindet. Schwarze Schiebewände sind das Einzige, was die beiden kurzen Stücke verbindet – und keines der beiden hat miteinander oder dem dritten Teil zu tun. Da hilft auch der Herr im Anzug nicht, der andauernd samt einem Märchenbuch erscheint: Was nicht zusammenpasst, wird mit viel Klebstoff nicht besser.

          Das ist auch bei Thoss’ schriller Märchenkompilation nach der Pause so – er allerdings klebt zunächst absichtlich die falschen Bruchstücke von Grimms Märchen aneinander. In seiner Welt, die aus riesigen Schloss-, Teich- und sonstigen Märchenversatzstücken gebaut ist wie ein Dalí-Bild, gibt es viel zu viele Prinzen, die viel zu viele Prinzessinnen wachküssen wollen, die im viel zu kurzen Bettchen mit halbgeschlossenen Lidern posieren. Pech für Schneewittchen, die offenbar die sieben Zwerge zum Frühstück verspeist hat: Ihr Prinz entpuppt sich als ausgesprochen törichter Tolpatsch. Hänsel und Gretel sind ein wüstes Hooligan-Paar, das eine arme alte Frau schlägt, die nur durch eine schwarze Katze auf dem Buckel zur Hexe wird.

          Flunsch des Sterntaler-Mädchens

          Hätte Thoss es bei diesem getanzten Märchen-Witz belassen, man gönnte ihm den Scherz. Aber als ausgesprochen psychologieaffiner Choreograph gibt er sich alle Mühe, auch noch zu zeigen, welche tieferliegenden Wünsche gerade der Erwachsenen in den Märchen verborgen sind, schließlich schreibt er im Programmheft, Grimms Märchen würden oft „unsäglich schlecht behandelt“. Dass der Holzhammer von Konsumkritik im Comedy-Stil, mit 0190-Nummern, einer Modenschau und anderen Mätzchen dazwischen mächtig geschwungen wird, hilft da allerdings ebenso wenig wie das Beharren darauf, fast jedes bekannte Märchen irgendwie unterzubringen.

          Getanzt wird fulminant, witzig und anspielungsreich bis in die Fingerspitzen, die Spitzenschuhe und vor allem in der Mimik, köstlich etwa die Flunsch des Sterntaler-Mädchens, das immer zu spät kommt, wenn gerade mal wieder Gold vom Himmel regnet. Insofern: Viel zu lachen. Gute Witze aber pflegen kurz zu sein. Zu Offenbachs Ballettsuite „Le papillon“, die irgendwann nur noch nach Wiederholung klingt und Klaviermusik von Lepo Sumera wird Thoss’ Potpourri lang, sehr lang und breit – aber nicht tief.

          Nächste Vorstellungen am 16. und 25. Februar jeweils um 19.30 Uhr.

          Quelle: F.A.Z.

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