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Graffitikünstler „Herakut“ : Mit Farbe Mut machen

  • -Aktualisiert am

Wie Geschwister: Jasmin Saddiqui (Hera) und Falk Lehmann (Akut) Bild: dpa

Sie haben es nicht auf die großen Galerien der Welt angelegt. Das Street-Art-Duo Herakut verschönert Flüchtlingslager und Hauswände. In Frankfurt zeigt es nun „Farben der Widerstandskraft“.

          Mitten in der Innenstadt, direkt hinter dem Einkaufszentrum „My Zeil“, hängt an einer Brandwand an der Stiftstraße ein gewaltiges Bild. 15 Meter misst das unübersehbare Motiv - es zeigt eine Mutter, die ihr Kind im Arm hält. Dazu der Spruch: „There is something better than perfection“. Menschlichkeit, soziale Intelligenz, Improvisation - das seien die Werte, auf die es ankomme, sagt Jasmin Siddiqui.

          Sie und Falk Lehmann sind „Herakut“, eines der erfolgreichsten Street-Art-Duos weltweit. Mehr als zehn Jahre gestalten die Künstler schon den öffentlichen Raum und machen aus Wänden riesige Gemälde. Aber nicht nur in Frankfurt haben sie ihre Spuren hinterlassen. Im Februar waren sie in Jordanien, im Flüchtlingslager Zaatari, in dem zurzeit 80.000 Syrer leben. Ein Lager aus weißen Zelten und Containern. Auch dort hängt nun Wandkunst von „Herakut“. Viele Arbeiten sind jetzt in der Ausstellungshalle Schulstraße 1a in Sachsenhausen zu sehen. Auch die Ausstellung hat ein Motto: Kurz vor der Eröffnung steht Jasmin Siddiqui noch auf der Leiter und sprüht die Wörter „Colours of Resilience“, zu Deutsch „Farben der Widerstandskraft“ an die Wand.

          Wut über Ressentiments und Schubladendenken

          Jasmin Siddiqui sagt, sie ahme ihre Eltern nach. Sie wuchs als Tochter eines Pakistaners und einer Deutschen in einem Hochhaus in Nied auf. „Damals war ich noch schüchtern und ängstlich“, sagt Siddiqui. Sie fühlte sich oft ausgegrenzt und begann, sich ihre Freunde zu zeichnen. Falk Lehmann wurde in Schmalkalden im Thüringer Wald erwachsen, behütet im Grünen.

          Als Teenager wurde Jasmin Siddiqui wütend über Schubladendenken und Vorurteile. „Ich habe nicht verstanden, warum Leute davon ausgehen, dass ich ganz schlecht Deutsch verstehe und man mir die westliche Welt erklären muss. Nur weil meine Hautfarbe ein bisschen anders ist?“, fragt die 33 Jahre alte Künstlerin. Wenn sie mit ihren Eltern in die Stadt fuhr, war sie von Graffiti-Sprayern begeistert, die Farbe an die grauen Wände zauberten. Sie begann, ihre Schule zu verschönern. Mit Anfang 20 wollte sie dann nicht mehr das „Blümchen Jasmin“ sein und wurde zu Hera, der starken und mächtigen Göttin. Unter diesem Pseudonym fing sie an zu sprayen und machte sich in der Männerdomäne der Graffiti-Szene schnell einen Namen.

          Sie macht das Grobe, er die Feinheiten

          2004 trafen Siddiqui und Lehmann dann bei einem Festival in Spanien zufällig aufeinander. Die Künstler versuchten sich an einer gemeinsamen Wand. Die Chemie stimmte sofort. Falk Lehmann hatte zu diesem Zeitpunkt, wie Siddiqui selbst, schon eine beachtliche Graffiti-Karriere vorzuweisen. Unter dem Namen Akut war er mit seiner Crew „Ma’Claim“ bekannt. Er erhielt Einladungen von Festival-Veranstaltern, Graffiti zu bewerten. Doch das ging dem jungen Mann zu weit: „Ich bin doch kein Professor. Ich will etwas machen“, dachte er damals. Als Autodidakt hatte er sich den Umgang mit der Spraydose selbst beigebracht und war zu einer Koryphäe des Fotorealismus geworden.

          Aus Hera und Akut wurde „Herakut“: Hera ist für die groben Umrisse zuständig, Akut übernimmt den Feinschliff. Sie malen in ihrem Atelier in Schmalkalden, dem Elternhaus Lehmanns, manchmal tagelang durch. Dann folgen wieder Reisen in die ganze Welt. Dadurch bleibe es spannend, und man gehe sich nicht so schnell auf die Nerven, verraten die Künstler lachend, die sich wie Geschwister fühlen.

          Flüchtlingseindrücke: Die Graffiti-Künstler Jasmin Siddiqui und Falk Lehmann vor ihren Bildern der Ausstellung „Colours of Resilience“ (Farben der Widerstandskraft) in Frankfurt..

          Man merkt den beiden an, dass es ihnen nicht darum geht, in einer „High-End-Galerie“ zu hängen, wie Siddiqui es formuliert. Schon während des Studiums, Siddiqui studierte Kommunikationsdesign in Wiesbaden, Lehmann visuelle Kommunikation in Weimar, merkten die beiden, dass sie nicht in eine Werbeagentur passen.

          Beide teilen die Einstellung: „There is something better than perfection.“ So steht es auch an der Fassade an der Stiftstraße geschrieben. Ihre Arbeiten seien als Polaroid zu verstehen, ein direkter Umgang mit der Realität, der sie ein Gesicht geben. Es gibt kein Radiergummi. Wenn sie einen falschen Strich malen, setzen sie einen richtigen daneben.

          Mutterliebe: Ein Kunstwerk von Herakut in der Frankfurter Stiftstraße, das daran erinnern soll, dass es auf andere Werte als Perfektion ankommt.

          Für Herakut hat künstlerisches Schaffen nur dort einen Sinn, wo Kunst rar ist und ein Bild an der Wand mehr bedeutet als Dekoration. So wie im Flüchtlingslager in Zaatari. Acht Künstler nahmen dort an dem Projekt der Organisation „AptArt“ teil. Sie brachten den Kindern bei, was Hygiene bedeutet und wie man mit Trinkwasser umgehen sollte. Währenddessen verschönerten sie das Lager zusammen mit den Kindern. Das Ergebnis ist jetzt in der Ausstellung in Sachsenhausen zu sehen. Fotos, Leinwände, Skizzen und Filme erzählen die Geschichten der einzelnen Flüchtlinge und der Erfahrungen, die Siddiqui und Lehmann im Flüchtlingslager gemacht haben.

          Dabei wollen sie nicht verschrecken, sondern dazu motivieren, selbst Verantwortung zu übernehmen: „Studenten sollen sich zutrauen, ins Ausland zu gehen. Das ist keine Zauberei. Besser als im Grafikstudium unbezahlt in Werbeagenturen zu sitzen“, wünscht sich Jasmin Siddiqui.

          Die Schau „Colours of Resilience“ ist noch bis Freitag, 20. Juni 2014 in der Ausstellungshalle Schulstraße 1a in Frankfurt-Sachsenhausen zu sehen.

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