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Goethepreis an Pina Bausch Das Tanztheater und die echten Gefühle

28.08.2008 ·  Albert Schweitzer hat ihn bekommen, Sigmund Freud, Thomas Mann, zuletzt, im Jahr 2005, der Schriftsteller Amos Oz. Nun geht der Goethepreis an die Choreographin Pina Bausch.

Von Michael Hierholzer
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Bewegung in der Paulskirche. Zum ersten Mal wurde der Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main an eine Künstlerin verliehen, in deren Arbeit es im Wesentlichen um Körpersprache geht. Pina Bausch, die Erfinderin des modernen Tanztheaters und international wohl bedeutendste Choreographin, hat aus der Hand von Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) die Urkunde der mit 50 .000 Euro dotieren Auszeichnung entgegengenommen.

Sichtlich bewegt. Wie auch die Gäste im vollbesetzten Saal. Sie erheben sich. Langer Beifall. Derlei Zeremonien haben ihre eigene Choreographie. Viel Bewegungsspielraum bleibt dem Publikum wie den zwischen Blumenarrangement und Rednerpult handelnden Personen zwar nicht. Aber die Strenge der Form gemahnt an die Unbedingtheit, mit der die Ausgezeichnete ihre Stücke in Szene setzt. Mehr als 40 davon hat sie seit 1973 in Wuppertal produziert, in mehr als 100 Städten weltweit aufgeführt.

Wim Wenders hält die Laudatio

Der musikalische Rahmen ist obligatorisch. Mitglieder des Ensemble Modern spielen mild avantgardistische Kammermusik von Olivier Messiaen. Vor der Übergabe des Preises kommt die Würdigung der Geehrten. Es beginnt das Stadtoberhaupt, das in einem leuchtend lachsfarbenen Kostüm steckt, darüber die schwere goldene Amtskette. Petra Roth weist darauf hin, dass hier und heute „der höchste Preis der Stadt Frankfurt“ und der älteste deutsche Kulturpreis überhaupt überreicht wird. Seit 1927 gibt es ihn, alle drei Jahre entscheidet eine Jury über seine Vergabe, Albert Schweitzer hat ihn bekommen, Sigmund Freud, Thomas Mann, zuletzt, im Jahr 2005, der Schriftsteller Amos Oz.

1982 erhielt ihn Ernst Jünger, was im damals noch weithin der Kritischen Theorie verpflichteten Frankfurt für einigen Aufruhr sorgte. Dergleichen stand in diesem Jahr nicht zu befürchten. Anlass zu einer kleinen Verwunderung gibt es allerdings: Ausgerechnet die Stadt Frankfurt, die in finanziell schwierigen Zeiten nicht zögerte, die Tanzsparte an den Städtischen Bühnen abzuschaffen, zeichnet eine Ballettdirektorin aus. Immerhin erwähnt die Oberbürgermeisterin den langjährigen hiesigen Ballett-Chef William Forsythe, mit dem die Stadt international einst ebenso warb, wie es Wuppertal noch immer mit der 1940 geborenen Pina Bausch und ihrem Theater macht.

Wim Wenders hält die Laudatio auf seine Freundin. Der mit einem Gehrock und einer knallroten Krawatte bekleidete Filmregisseur mit dem langen wehenden Haupthaar spricht von der Bewegung, die zwar sein Metier sei, in deren Wesen er aber erst dank des Tanztheaters von Pina Bausch tiefere Einblicke gewonnen habe. Aus „motion“ entstehe „emotion“. Dem Körper wohne ein gewaltiger Schatz inne, sich mitzuteilen. „Ohne es zu wollen, ist sie eine große Lehrerin für alle, die sich als Fachleute für Bewegung begreifen“, sagt der Filmemacher über Pina Bausch. Er hat für die Feierstunde einen Kurzurlaub von Venedig genommen, wo er derzeit als Jury-Vorsitzender bei den 65. Filmfestspielen im Einsatz ist.

Die Choreographin und der Dichterfürst

Der Regisseur prangert das Falsche und Verlogene in der gegenwärtigen Kunstproduktion an. Kaum etwas berühre einen mehr. „Die echten Gefühle in der Kunst werden immer seltener – aber nicht, wenn Sie sich Pina anvertrauen.“ In ihrem Tanztheater verschränkten sich innere und äußere Bewegung. So bewegend wie Wenders hat lange niemand in der Paulskirche über einen Preisträger gesprochen. Er bezeichnet Bausch als „fragile, scheue, kettenrauchende Frau“. Zum Schluss nennt er sie, in Anlehnung an ein auf sie gemünztes Zitat von Fellini, „Prinzessin Pina“.

Ganz in Schwarz gehüllt spricht sie dann in ihrer Dankesrede vom Tanz als einer flüchtigen Kunst: „In jeder Sekunde geht es um alles oder nichts.“ Sie freue sich über die Ehre, die ihr und damit dem Tanz zuteil geworden sei. Und sie sagt: „Ich liebe meine Tänzer.“ In den Stücken solle jeder er selbst sein. Jeder wachse mit dem Vertrauen, das ihm entgegengebracht werde.

Schließlich erzählt Bausch, wie bewegend es ist, mit Menschen aus allen möglichen Kulturen und in so unterschiedlichen Ländern zu arbeiten. Man merke, dass alle gleich wertvoll und wichtig seien. Der Tanz als universelle Sprache und Goethes Idee von Weltliteratur scheinen plötzlich ganz eng beieinanderzuliegen. Das Leben als permanente Bewegung, die immer nur momentan zur Ruhe gelangt, Stillstand als Ende aller Kultur: Darauf könnten sich die Choreographin und der Dichterfürst ohne Mühe verständigen.

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Jahrgang 1955, Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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