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Geburtstagskonzert Spiel weiter, Orpheus!

 ·  In jenen alten Zeiten, als das Musizieren noch geholfen hat, da spielte Orpheus auf der Leier. Und er spielte so herzzerreißend schön, daß er nicht nur die Steine erweichte, sondern auch den harten Sinn der Götter in der Unterwelt: Sie gaben ihm Eurydike zurück.

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Spiel weiter, Orpheus: Frank Wolffs Geburtstagskonzert in Erinnerung an Anne Bärenz

In jenen alten Zeiten, als das Musizieren noch geholfen hat, da spielte Orpheus auf der Leier. Und er spielte so herzzerreißend schön, daß er nicht nur die Steine erweichte, sondern auch den harten Sinn der Götter in der Unterwelt: Sie gaben ihm Eurydike zurück. Doch schon damals konnte der große Sänger und Musikant den Tod nicht besiegen. In den heutigen Zeiten hilft das herzzerreißende Musizieren längst nicht mehr, und auch die Götter der Unterwelt sind seit vielen Jahrhunderten entzaubert.

Dennoch hat der Cellist Frank Wolff bei seinem Geburtstagskonzert in der Alten Oper gespielt, als ob er die Unterwelt noch einmal erweichen wollte. Gäbe es Thanatos und Hades und all die anderen Lebensverschlinger noch, sie hätten ihm gewiß seine Liebe, die vor einem Monat ihm entrissene Anne Bärenz, zurückgegeben. Jedoch wir leben in entmystifizierten Zeiten. Wir wissen nur, daß wir sterben werden und nichts dagegen tun können. Wir wissen es - und wollen doch nicht daran denken. Können es auch nicht, denn täten wir es, dächten wir jeden Tag, jede Stunde nur an unser Ende, so würden wir nicht mehr lachen und hüpfen und musizieren können. Ja, Lachen und Singen und Spielen sind unsere Waffen gegen die Endlichkeit.

Am Samstagabend in der Alten Oper hat der Cellist Frank Wolff mit diesen Waffen eine Schlacht gegen die Unterwelt geschlagen und gewonnen - "With a little help from his friends". Mit den Musikern, die ihn während seiner großartigen Karriere begleitet haben und mit einem Publikum, das jeden seiner musikalischen Bock- und Seitensprünge immer mit Bewunderung und Vergnügen genossen hat.

Bei diesem denkwürdigen Konzert haben alle im Mozartsaal begriffen, daß man dem großen Zerstörer mit allen Mitteln zu Leibe rücken muß: mit der Trauer eines Jochen Bärenz, der das Impromptu Nr.2 aus dem Nachlaß des Franz Schubert aufbot; mit dem Wortwitz eines Pit Knorr, der die Zuhörer auf die Inseln der Seligen entführte; mit der Improvisationskunst des Saxophonisten Heinz Sauer, mit der Frechheit einer Sabine Fischmann, der Schnoddrigkeit eines Henny Nachtsheim, der rauchigen Sehnsucht der Blues-Sängerin April King. "Für Traurigkeit ist heute keine Zeit", hat das Ensemble Apart postuliert. Nein, an diesem Abend hat niemand eine Leichenbittermine aufgesetzt, weil Anne Bärenz keine Leichenbittermine gewollt hätte. Sie, die (fast) immer Lustige hätte, da mag Michael Herl wohl recht haben, an diesem Tag einzig und allein Trauer getragen, weil ihre geliebte Eintracht wieder einmal verloren hatte. Doch dann hätte sie sich aufgerappelt, hätte gequietscht vor Vergnügen über Anselm Wild, der Udo Lindenbergs Liebeserklärung an die Cellistin in eine Liebeserklärung an den nun 60 Jahre jungen Cellisten Frank Wolff abänderte. Blast ihn fröhlich nieder, den schwarzen Mann, hätte sie der Marching Band der New Orleans Nightcrawlers zugerufen, sing's noch mal ihrer frühen Bühnenpartnerin Monica Ries, und Gerd Knebel, den Hooligan, hätte sie ermuntert: "Immer feste druff!"

Ihr Götter der Unterwelt, wenn es euch denn noch gibt, habt ihr eure Ohren mit Wachs verstopft? Ahntet ihr, daß euch Frank Wolff an diesem Abend euer steinernes Herz mit seinem Cellospiel erweicht hätte, wären die Töne an euer Ohr gedrungen?

Spiel weiter, Orpheus! Damit wir wissen, daß wir noch leben. HANS RIEBSAMEN

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Von Matthias Alexander

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