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Fritz Rémond Theater Herrje, da liegt ein Brief für mich

Im Fritz Rémond Theater hat Claus Helmer den „Raub der Sabinerinnen“ zwischen Komik und Tragik angesiedelt.

© Helmut Seuffert Vergrößern Großer Auftritt: Walter Renneisen (rechts) als Theaterhaudegen Striese neben Pavel Fieber (links) und Jens Hajek.

Es war ein Glücksfall für das Theater, als sich 1883 zwei Postkarten kreuzten, weil zwei Brüder auf der Theaterachse Berlin-Wien die gleiche Idee hatten: Franz und Paul Schönthan wollten eine kuriose Bekanntschaft als Lustspiel ausschlachten. So wurde aus der Römertragödie einer poetisierenden Rumänin die Jugendsünde eines poetisierenden Professors, der sein Stück dem Direktor eines armseligen Wandertheaters anvertraut, während seine tyrannische Frau auf Kur in Heringsdorf weilt. Mit „Der Raub der Sabinerinnen“ schufen die Brüder Schönthan nicht nur einen klassischen Schwank, sondern auch eine Figur, die zu einem Begriff der Theatergeschichte wurde: Nachdem Albert Bassermann die Tragikomik in der Figur des Emanuel Striese entdeckt hatte, begannen sich die renommiertesten Schauspieler um die Rolle zu reißen.

Claudia Schülke Folgen:  

Im Fritz Rémond Theater hat jetzt Walter Renneisen seinen großen Auftritt als überstrapazierter, aber hingebungsvoller Theaterhaudegen und treusorgender Familienvater. „Das Kampfgewühl ist fürchterlich/herrje, da liegt ein Brief für mich“, reimt sein sächselnder Striese aus dem Stegreif, und die Zuschauer liegen immer noch oder vielmehr wieder „unter dem Stuhl“ wie 1917 der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr. Aber mit Strieses berühmtem Monolog, seinem Bekenntnis zur Bühnenkunst unter allen Bedingungen schickte der Schauspieler das Publikum auch bewegt und nachdenklich in die Pause. Hatte hier auch Claus Helmer gesprochen? Der Hausherr hat den verwirrenden Schwank zwischen Komik und Tragik inszeniert, nicht als Klamotte zum Schenkelklopfen, sondern als ernsten Scherz.

Vier Publikumsmagneten

Ein Raunen ging durch das Publikum, als sich der Vorhang öffnete und das warme Interieur eines Gründerzeit-Salons freigab. Hier hat Bühnenbildner Klaus-Ulrich Jacob wieder einmal seinen Geschmack bewiesen. Zwischen feinen Tapisserien wuselt die aufgeregte Familie des Professor Gollwitz um den lindgrünen Diwan. Friederike, seine Frau, ist mit Nesthäkchen Paula vorzeitig von der Kur zurückgekehrt. Das schafft Ärger und Missverständnisse. Marianne, die Älteste, hat aus lauter Langeweile an der Seite ihres Biedermanns einen überspannten Tick entwickelt: Sie will das vermeintlich romantische Vorleben ihres soliden Gatten Leopold, genannt Poldi, erkunden. Dafür befragt sie ausgerechnet dessen unsoliden Ex-Kommilitonen Emil. Mitten in die Familienaffären platzt der Berliner Weinhändler Karl Gross, Vater eines missratenen Sohnes: Emil. Nur das theaterbegeisterte Dienstmädchen Rosa kann hier noch den Überblick behalten.

Insgesamt zehn Schauspieler hat Helmer für seine Inszenierung verpflichtet, darunter vier Publikumsmagneten. Neben Renneisen reizt Wolff von Lindenau als redseliger Weinhändler mit Berliner Dialekt am meisten die Lachmuskeln. Pavel Fieber, der hier auch schon mit Erfolg inszeniert hat, und die unverwüstliche Ellen Schulz treten als ungleiches Ehepaar Gollwitz auf: sie als ein mütterlicher Hausdrachen mit dominantem Charme, er als weltfremder Professor unter dem Pantoffel, der sich allen Bedenken zum Trotz von der Schmiere verführen lässt. Der ausgefuchste Striese hat leichtes Spiel mit diesem ungeschickten Provinzler, der seit mindestens 30 Jahren nicht ins Theater gegangen ist. Eine undankbare Rolle ist Fieber da zugefallen: Er muss den Langweiler spielen, während Kollege Renneisen die Lachsalven provoziert und den Applaus einheimst.

Mit Verena Wüstkamp und Jens Hajek empfiehlt sich das Ehepaar Marianne und Leopold. Auch Hajek muss sich als blasser Langweiler zufriedengeben, während ihm Kollege Fabian Goedecke als Emil Gross die Show stiehlt: Missratene Söhne sind eben interessanter als artige. Emil verliebt sich erwartungsgemäß in Paula, und die folgt ihm in Gestalt von Dana Kröhnert als Braut nach Berlin, wo als Morgengabe schon die Weinhandlung ihrer harrt. Bleibt Christiane Hecker als bildungsbeflissenes Dienstmädchen, das mit dem Professor konspiriert. Hinter der Bühne aber agieren per klassischer Mauerschau die beiden wichtigsten Dramatis Personae: Frau Striese und ein vorlauter Papagei.

Weitere Aufführungen im Fritz Rémond Theater, Bernhard-Grzimek-Allee1 in Frankfurt, bis 27.Januar, jeweils von 20 Uhr an, sonntags von 18 Uhr an. Montags keine Vorstellung. Am 26.Dezember von 16 und 20 Uhr an, ebenso am 12.Januar. Am 31.Dezember von 16.30 und 20.30 Uhr an.

Quelle: F.A.Z.

 
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