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30 Jahre „Fresche Keller“ : Liebe geht durch den Dorfladen

Der „Fresche Keller“: Michael Glebocki und Dorothee Arden auf der Sommerbühne ihres Dorfladens. Bild: Rainer Wohlfahrt

Mit dem „Alten Dorfladen“ haben sich Dorothee Arden und Michael Glebocki einen Wunsch erfüllt und betreiben Kleinkunst im eigenen Haus. Jetzt feiern sie 30 Jahre „Fresche Keller“ mit einem Sommerfestival.

          Wenn Michael Glebocki treuherzig versichert, er habe „das Hobby meiner Frau zu meinem Beruf gemacht“ dann stimmt das so. Andererseits klingt es, wie alles, was Dorothee Arden und er, schön abwechselnd, über ihr Leben und Arbeiten berichten, komplett konsequent, logisch, lustig und ein bisschen verrückt überdies.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Damit scheint man gut zu fahren, auch durch die Fährnisse des Lebens. Es gibt also einiges zu feiern bei den Arden-Glebockis in diesem Sommer, nicht nur dass sie, Jahrgang 1967 und 1969, „zusammen dieses Jahr 100“ sind. Zuallererst das dreißigjährige Bestehen einer kleinen Bühne weitab der Metropolen: 18 Jahre verantwortet Dorothee Arden den „Fresche Keller“, vor 30 Jahren gegründet und benannt von Hans Schwab und Ronka Nickel, die ihn als Schauspieler- und Regiepaar selbst und mit Gästen bespielt hatten. 1999 hatte Arden die Kleinkunstbühne in Ortenberg im Wetteraukreis gekauft. Als Hobby oder Liebhaberjob, wohlgemerkt.

          Kabarettisten in Wohnzimmernähe

          Heute ist nur noch das Schild übrig. Und der Name. Wenn Arden und Glebocki winters in den Bürgerhäusern der Wetterau mit Kabarett und Musik gastieren oder jetzt wieder auf ihrer Sommerbühne: Es steckt immer der „Fresche Keller“ dahinter, getragen von einem kleinen Verein. Der „Alte Dorfladen“ in Nidda-Wallernhausen, wo von diesem Wochenende an wieder sommerlicher „Fresche Keller“ geboten wird, ist allerdings ein besonderes Theater: Unter dem mit Jute abgehängten Dach des einstigen Stalls, der entkernt und an einer Seite komplett geöffnet worden ist, sitzt das Publikum bei Getränken an kleinen Tischchen und Biergarnituren, Schmetterlinge und Schwalben fliegen herum, wenn Kabarettisten wie Philipp Weber oder Mathias Tretter auftreten. Das Ganze nur wenige Schritte vom Wohnzimmer des Ehepaares entfernt: Der historische Hof, sorgsam renoviert, ist Heim, Büro, Bauernhof – und Bühne.

          „Wir bringen Namen aufs Land“ sagt Glebocki. Das geht, weil Arden, Geschäftsführerin des Kronberger Kulturkreises und damit seit etlichen Jahren verantwortlich für das kulturelle Leben in der Taunusstadt, dort von der Pike auf das Kulturveranstalten gelernt hat. Und es irgendwann auch auf der anderen Seite betreiben wollte. Dass die nun in der Wetterau liegt, genießt sie eher, das Pendeln klappt.

          „Landeier“ aus der Großstadt

          Weil seine Frau sich im Jahr 2000 ihren Wunsch verwirklichte, hat sich Glebocki binnen eines Jahres die technische Seite angeeignet. Heute macht er Veranstaltungstechnik, dazwischen Werbung, Grafik, Marketing, mit Arden hat er soeben das „Kulturbüro11“, eine eigene kleine Künstleragentur, gegründet. „Wir kennen die Bedürfnisse“, sagen sie. Ihre eigenen kennen sie auch. Sie seien schon „Landeier“ gewesen, als sie noch in der Großstadt lebten, behaupten die beiden.

          Weshalb der „Alte Dorfladen“, wie ihr Hof bislang nur heißt, auch einer wird. Nicht nur Kunst, auch Schafsalami, Bettdecken aus Schafswolle und weitere Produkte soll es bald zu kaufen geben – online. Mittlerweile 40 Schafe zählt die Herde der beiden, entstanden ist dieses Projekt aus dem „unschönen halben Jahr“, in dem sie Vegetarier werden wollten und feststellten, dass sie Fleisch gerne essen. Seither verantworten sie, wie die Tiere aufwachsen, und beim Schlachten wegducken zählt nicht. Zum Kabarettsommer im „Alten Dorfladen“ werden eigene Schafwürste gereicht.

          Wohnen, Kunst, Salami: Der „Alte Dorfladen“ in Wallernhausen.

          Dass ein einziges Standbein leicht wegbrechen kann, hat Glebocki früh in der Werbung gelernt. Arden und er setzen auf viele kleinere. Als sie vor einigen Jahren das Frankfurter Kabarett Die Käs übernahmen und überraschend wieder abgeben mussten, weil die Besitzer es der eigenen Familie übergaben, hat sich das bewährt.

          Konsequent, hartnäckig und in gewisser Weise ganzheitlich haben sich Arden und Glebocki ihren Mix aus Ökonomie und Liebhaberei zurechtgebaut. „Weil wir nett sind“, sagen sie und lachen, wenn man sie fragt, wie all die guten Künstler aufs Land zu locken sind. Der eine wird vegan bekocht, der andere in Ruhe gelassen, der dritte bekommt seinen Lieblingswhisky. Der „Fresche Keller“ hat, Liebhaberbühne hin oder her, also einen Namen, und die Karten der Sommerbühne im Rahmen des Kultursommers Mittelhessen sind sehr gefragt.

          Ironie des Schicksals: Den „Fresche Keller“ in Ortenberg musste Arden 2014 schließen – unter anderem, weil die Heizkosten so hoch waren, dass aus dem Hobby ein nicht mehr finanzierbarer Luxus wurde. Andererseits war es in der einstigen Backstube Frech, daher der Name „Fresche Keller“, sommers zu heiß – „man fühlte sich dort selbst wie ein Brot“, feixt Glebocki. So hatte das Paar schon früh Sommerbühnen bespielt. Als der „Fresche Keller“ schloss, hatte der „Alte Dorfladen“ zum Fixpunkt werden sollen – ein Unwetter 2014 samt Überschwemmung aber machte Wallernhausen einen Strich durch die Rechnung. Nun sind die Schäden behoben, die Kräfte gesammelt, es kann wieder losgehen.

          Den „Fresche Keller“ erleben

          Das Jubiläumsprogramm „30 Jahre Fresche Keller“ beginnt am 28. Juli um 19.30 Uhr mit Philipp Weber in Wallernhausen, Untergasse 11–13; das Hoffest findet am 19. August von elf Uhr an statt. Informationen im Internet unter www.freschekeller.de

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