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Frankfurter Volkstheater Alles nur geliehen

18.07.2010 ·  Das Frankfurter Volkstheater lockt mit prominent besetzten Rollen das Publikum zur Premiere von „Der hessische Jedermann“ in den Archäologischen Garten.

Von Claudia Schülke
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Er hatte den besten Auftritt. Aber das Publikum hat es nicht gemerkt. Nur eine Hand regte sich zaghaft zum Zwischenapplaus und zuckte gleich wieder zurück, als Wolff von Lindenau als schillernder „Mammon“ wieder in die Geldtruhe zurückschlüpfte. Bis zum Schlussapplaus hatten die Zuschauer schon längst wieder vergessen, wie brillant der Schauspieler dem Titelhelden und mit ihm urbi et orbi eine bittere Lektion erteilt hatte: „Ich gehör zu keinem.“ Im Gegenteil: Alle gehörten ihm, denn er führe jedermann am glitzernden Narrenseil wie eine Marionette. Bis der Tod kommt, und der „kleine Gott der Welt“ begreifen muss: Alles war nur geliehen, auch Mammon, das Geld, sein Lieblingsspielzeug – wie sein Leben, das er sich damit nicht zurückkaufen kann.

Das Publikum feierte lieber die Prominenz: Ralf Bauer, den Seriensurfer, als strammen „Jedermann“, Helmut Markwort, „Focus“-Chefredakteur, als schlappen „Tod“, und Alexandra Seefisch als kreischende „Buhle“. Regisseur Wolfgang Kaus weiß eben, wie man Zuschauer ködert. Zumindest fürs Frankfurter Volkstheater. Eine knappe Woche vor seinem 75. Geburtstag hat der ehemalige künstlerische Leiter desselben aber auch sein persönliches Vermächtnis zu Füßen des Doms präsentiert: Mit seinem „Hessischen Jedermann“ im Archäologischen Garten bekennt sich Kaus nicht nur zur katholischen Moralitäten-Tradition in der modernisierten Fassung von Fitzgerald Kusz, er redet auch einer geschichtsvergessenen Stadt ins Gewissen, die diese ehrwürdigen Ruinen überbauen will.

Lieber die Sense

Angesichts solchen Mammonismus blute ihm das Herz, sagte er vor der Premiere. Um so brillanter ist seinem Schauspieler die Häme des „Mammons“ in dem güldenen Kostüm von Bärbel Christ-Heß und Claudia Rohde gelungen. Dank des bewährten Wolff von Lindenau, der hier eine Lebensrolle gefunden hat, dank auch seiner Kollegin Sabine Roller in der allegorischen Rolle eines gebrechlichen „Gewissens“ auf Krücken ist diese Inszenierung über die Promi-Show hinaus auch zu einem Schauspieler-Ereignis geworden. Den einzigen Sonderapplaus aber strich Steffen Wilhelm als düpierter Teufel ein, dem Jedermanns Seele vor der Nase weggeschnappt wird.

Als hätte der Regisseur sie dazu engagiert, flatterten Scharen von Rabenkrähen über den drei Spielflächen, die Bühnenbildner Rainer Schöne über den Relikten der karolingischen Kaiserpfalz errichtet hatte. Mit ihren neckischen Flugspielen schienen sich die „Totenvögel“ lustig zu machen über die bleierne Lethargie, die Markwort als „Tod“ unter seinem schwarzen Schlapphut aufbot, um als resignierter Freund zu kommen. Vielleicht hätte er doch besser eine Sense zur Hand genommen: Das hätte auch zum Schlusschoral vom „Schnitter Tod“ gepasst. Anette Krämer als kleinkarierte Mutter Jedermanns und als gravitätischer „Glaube“ en bleu verströmte ebenfalls die Lebendigkeit einer Statue.

Diverse Goethe-Zitate

Und Jedermann? Bauer darf in einer goldenen Wanne voll klimpernder Münzen baden wie Dagobert Duck. Im Schatten der „Krise“ stellt der Regisseur die Vergötzung des Geldes gnadenlos an den Pranger. Im Übrigen zeigt sein Protagonist, was man von ihm erwartet: Er legt die „Buhle“ auf den Tisch, sperrt den säumigen Gläubiger in den Schuldturm, schachert mit Freund Hein, zittert vor dem himmlischen Gericht, weint echte Tränen vor Reue, verschwindet neben einem franziskanischen Beichtvater im Dom und sinkt im weißen Totenhemd elegant vor dem Sarg zusammen. Vom kapitalistischen Erpel zum sterbenden Schwan – das ist immerhin eine Entwicklung, wenn auch keine künstlerische.

Die Botschaft wurde dennoch vernommen, auch die eingearbeiteten Goethe-Zitate aus diversen „Faust“-Teilen. Kaus hat sein Werk getan. Mit Hingabe. „Was jetzt noch kommt“, sagte er, „ist mir egal.“ Was nicht heißen soll, dass er aufhört Theater zu machen. Dass er die Proben bei tropischen Innenstadt-Temperaturen abhielt, beweist: Er glaubt an das, war er hier inszeniert hat, an das Theater und an die kreative Kraft als Geschenk von oben.

Bis 28. Juli ist „Der hessische Jedermann“ täglich um 20.15 Uhr im Archäologischen Garten vor dem Dom zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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