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Frankfurter Sozialunternehmen Düstere Zeiten für „Dialog im Dunkeln“

07.06.2009 ·  Dem Frankfurter Dialogmuseum fehlen wegen der Wirtschaftskrise derzeit die Firmenkunden. Das Sozialunternehmen, in dem Blinde Sehende durchs Dunkel führen, bittet deshalb die Stadt um Hilfe.

Von Hans Riebsamen
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„Hurra, wir haben überlebt!“ So hat Klara Kletzka, die Chefin des Dialog-Museums, während der Geburtstagsveranstaltungen ihres Hauses immer gejubelt. Jetzt, im Jahr der Weltwirtschaftskrise, sagt sie sorgenvoll: „Hurra, wir leben noch!“ Mit der Betonung auf „noch“. Denn die Wirtschaftsflaute macht dem Dunkelmuseum an der Hanauer Landstraße, durch dessen Parcours Blinde die Besucher führen, schwer zu schaffen. Reihenweise haben Unternehmen – vor allem Banken – Seminare abgesagt, langsam kommt das Sozialunternehmen in die Klemme.

Es ist ein großes Wagnis gewesen, das Kletzka und ihre Mitstreiter Andreas Heinecke und Thomas Richter vor dreieinhalb Jahren eingegangen sind. Wer riskiert es schon, mit eigenem Geld ein Museum einzurichten, wenn er nicht gerade Carlo Giersch heißt und Vielfachmillionär ist? Die Gründer des Dunkelmuseums hatten nur bescheidene Ersparnisse, dafür aber eine große Idee: Sehende sollen beim „Dialog im Dunkeln“ zu Blinden, Blinde zu Sehenden werden. Diese Idee hat Andreas Heinecke 1988 in der Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt entwickelt. Und im Frankfurter Mousonturm, wo Kletzka damals arbeitete, hat er sie vor 20 Jahren zum ersten Mal verwirklicht.

Als Marke geschützt

Aus einem Pilotprojekt ist eine Erfolgsgeschichte geworden. „Dialogue in the Dark“, „Dialogue dans le noir“, „Dialogo en la oscuridad“ hat es bisher in 22 Ländern geheißen, der „Dialog im Dunkeln“ wurde an 150 Orten präsentiert, rund fünf Millionen Menschen haben sich von Blinden durch eine schwarze Welt von Formen, Tönen und Gerüchen führen lassen. 1996 hat sich Heinecke den „Dialog im Dunkeln“ als Marke schützen lassen und begonnen, sie nach der Franchise-Methode zu vertreiben. Eine Frankfurter Idee ging um die Welt.

Aus der Wanderausstellung ist erstmals 2000 in Hamburg ein festes Museum geworden, unterstützt vom dortigen Senat, der im „Dialog im Dunkeln“ ein sinnvolles Beschäftigungsprojekt für Behinderte sah. In Frankfurt, wo Heinecke und Kletzka 2005 ihr Dialog-Museum gründeten, konnten sie nicht auf Zuschüsse des Landes oder der Stadt bauen. Das Startkapital kam von Bon Venture, einem Fonds, der Kapital für soziale und ökologische Projekte zur Verfügung stellt, vom Landeswohlfahrtsverband Hessen, der Mittel aus der Ausgleichsabgabe für Behinderte beisteuerte, sowie vom hessischen Sehbehinderten- und Blindenbund, der ein natürliches Interesse an dem Projekt hat. Und von Heinecke und Kletzka selbst, die ihre letzten Groschen in das Vorhaben steckten. Gewinne zu erzielen war nicht das Ziel des Unternehmens, das Dialog-Museum sollte vielmehr kostendeckend arbeiten und möglichst viele Behinderte beschäftigen.

Das ist der Geschäftsführerin Kletzka gelungen. Bisher jedenfalls. Das Museum zählt derzeit 47 Mitarbeiter: 29 mit dauerhaften Arbeitverträgen, die anderen sind Praktikanten oder Teilzeitbeschäftigte. Viele Blinde haben an der Hanauer Landstraße eine Anstellung gefunden, sie führen die Besucher durch die Dunkelräume, mixen ihnen Drinks an der Dunkelbar oder servieren beim „Taste of Darkness“ im Dunkelrestaurant Essen. Früher wurden Behinderte von der Agentur für Arbeit fünf Jahre lang gefördert, mittlerweile sind es nur noch zwei oder drei Jahre. Das Dialogmuseum leidet unter dieser Kürzung, anfangs bestritt es 25 Prozent seines Etats aus derartigen Fördermitteln, heute nur noch zehn Prozent. Das so entstandene Loch im Haushalt konnten die Betreiber mit Eintrittsgeldern der stetig gewachsenen Besucherschar und durch Einnahmen aus Seminar-Veranstaltungen stopfen. Außerdem haben alle Mitarbeiter Opfer gebracht: Ihre Löhne sind seit drei Jahren nicht angehoben worden.

Museum arbeitet mit Mischkalkulation

Sechs Euro zahlen Kinder für eine Eintrittskarte. Dieser Preis ist nicht kostendeckend, eigentlich müsste Kletzka 15 Euro verlangen. Stattdessen arbeitet sie mit einer Mischkalkulation. Die Einnahmen aus Seminaren für Mitarbeiter von Unternehmen ermöglichen es, die niedrigen Eintrittspreise für Jugendliche beizubehalten. Doch jetzt sparen die Banken und Agenturen; die Spieltische im „Casino for Communication“, wo ihre Mitarbeiter bisher so gerne spielerisch Kommunikation trainiert hatten, sind viel zu oft verwaist. Es mangelt dem Dialog-Museum nicht an normalen Besuchern – 2008 sind 86.000 Gäste gekommen, seit der Eröffnung am 2. Dezember 2005 zählt das Haus etwa 250.000 Besucher –, es fehlt ihm derzeit an Firmenkunden.

In ihrer Not hat sich Kletzka jetzt an die Stadt Frankfurt gewandt und Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) um Hilfe angeschrieben. Bisher hat das Dialogmuseum von der Stadt nur sporadisch einen geringen finanziellen Zuschuss erhalten. Jetzt hoffen die Betreiber auf eine Unterstützung, die ihrem Haus über die Wirtschaftskrise hinweghilft. Pech für sie, dass niemand in der Stadtverwaltung sich richtig zuständig fühlt. Im Kulturdezernat glaubt man, das Dialogmuseum sei ein soziales Projekt, im Sozialdezernat sieht man in ihm eine Kultureinrichtung. Das ungewöhnliche Sozialunternehmen passt nicht ins Schema – und stürzt deshalb womöglich ab.

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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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