http://www.faz.net/-gzg-xtr4

Frankfurter Schauspiel : Die Insel der sexuellen Phantasie

Urlaubsfreuden: Michael Benthin in Michel Houellebecqs „Lanzarote”. Bild: Birgit Hupfeld

In der Box des Frankfurter Schauspiels ist Michel Houellebecqs Erzählung „Lanzarote“ als Ein-Mann-Stück mit Michael Benthin zu sehen.

          So wenig gelangweilt hat man sich selten bei einem Text, in dem die Langeweile eine Hauptrolle spielt. Als Erzählung, die vor gut zehn Jahren im Schuber zusammen mit einem Fotoband erschien, war „Lanzarote“ literarisch umstritten, als Monolog in der Box des Frankfurter Schauspielhauses überzeugt das Werk von Anfang bis Ende. Nun lassen sich die Sätze nicht mehr als Meinungsäußerungen eines auktorialen Erzählers missverstehen, sondern beschreiben klar und präzise eine Person, ein Individuum, einen Mann. Man mag seine Gedanken für platt, seine Ansichten für einseitig, sein Verhältnis zu Frauen für gestört halten, aber all dies charakterisiert ihn, gehört zu seiner zwischen Minderwertigkeits- und Überlegenheitsgefühl changierenden Persönlichkeit. Dass die Stunde in der kleinsten Spielstätte des Sprechtheaters am Willy-Brandt-Platz wie im Flug vergeht, liegt vor allem an dem Schauspieler, der nicht nur den Worten von Michel Houellebecq einen kongenialen Ausdruck verleiht, sondern sich der von dem Schriftsteller zu Papier gebrachten Figur vollkommen anverwandelt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie der Ich-Erzähler in „Lanzarote“ nicht vom Autor der Geschichte zu unterscheiden ist, oszilliert auch Michael Benthin zwischen Ego und Alter Ego des Romanciers, zwischen realer Fiktion und fiktionaler Realität. Gelegentlich scheint einen Houellebecq höchstselbst anzuschauen. Der Reisende aber, der kurz vor Weihnachten 1999 beschließt, das Jahr 2000 fernab von Frankreich in südlichen Gefilden zu verbringen, wird als Mann zwischen abgrundtiefen Selbstzweifeln, klischeehafter Weltsicht, Sexglück und Sektensehnsucht zu einem im Wortsinn zum Greifen nahen Musterexemplar des komplett orientierungslosen, von der Welt ebenso angeekelten wie ihren Reizen verfallenden spätmodernen Menschen.

          Intensität jenseits der Buchdeckel

          Alles aber grundiert eine Empfindung des „ennui“, wie er sich angesichts eines beginnenden Jahrtausends einstellt, in dem es keinen Glauben, keine Rettung, kein Heil mehr gibt, es sei denn in der Erfüllung erotischer Phantasien. Oder auf einer Reise, die in Zeiten des Massentourismus ohnehin oft mit sexuellen Erwartungen und mitunter auch Erlebnissen einhergeht. In „Lanzarote“ jedenfalls begegnen dem Ich-Erzähler neben dem Brüsseler Polizisten Rudi zwei junge Deutsche, Pam und Barbara, die weder Frauen noch Männer als Partner ungezwungener, unverbindlicher, befreiender Sexualität verachten. Der Ich-Erzähler erlebt auf der kargen, von Vulkanen geprägten Kanarischen Insel genau das, was er sich erträumt: lesbischen Sex, bei dem er zuschaut und an dem er als willkommener Dritter teilnimmt. Die Seligkeit, mit der Benthin derlei Freuden schildert, lohnt allein schon den Besuch der Aufführung. Spätestens hier aber wird das Verhältnis zwischen Phantasie und Wirklichkeit vollends brüchig: Es handelt sich bei der explizit ausgeführten Szene am menschenleeren Strand womöglich um einen pornographischen Traum anstatt um die Schilderung einer existenziellen touristischen Erfahrung. Dazu passt auch, dass der Urlauber die beiden jungen deutschen Frauen ebenso stereotyp darstellt, wie er die Touristen aus diversen Ländern nationalpsychologisch plump abhandelt. Des Belgiers Rudi Belgienhass hat Züge einer Bernhardschen Suada, und trotz eines frappierenden Wirklichkeitsgehalts, der sich etwa in einer detailgenauen Darstellung der Sehenswürdigkeiten der Insel zeigt, schimmert das poetische Konstrukt durch den Text.

          Drei segeltuchartige Formen zieren die Miniaturbühne, in strahlender Urlaubshelligkeit präsentiert sie sich, und auch der Antiheld in Ferienlaune trägt lichte Kleidung. Karoline Behrens führt Regie bei dieser dramatisierten Prosa, die in der Box eine Intensität gewinnt, die sie zwischen zwei Buchdeckeln nicht erreicht. Glanz und Elend des Verreisens sind selten so spürbar geworden wie in diesem Ein-Mann-Stück. Und natürlich wird die Pauschalreise zur Metapher für das Leben in der westlichen Konsumgesellschaft. Was mehr kann man in einer kleinen Schauspielschachtel erwarten.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Tourismus zerstört Postkarten-Idylle Video-Seite öffnen

          Inselparadies Raja Ampat : Tourismus zerstört Postkarten-Idylle

          Der Archipel im Osten Indonesiens gilt als neuer Tourismus-Hotspot des Landes: Türkisfarbenes Wasser, entlegene Inseln und unberührte Natur. Doch insbesondere die indigene Bevölkerung sieht die Entwicklung kritisch und fürchtet neben ökologischen Schäden auch einen Identitätsverlust.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.