05.10.2009 · Das Frankfurter Sprechtheater hat einen neuen Intendanten. Die Erwartungen sind hoch. Oliver Reese macht es weder sich noch dem Publikum einfach, indem er mit einem knapp vier Stunden währenden antiken Stücke-Doppel beginnt.
Von Michael Hierholzer, FrankfurtDie Stadt schwelgt in frischem Theaterglück. Schon nach der ersten Hälfte des Eröffnungsabends atmet das Publikum ob des soeben verklungenen klassischen Textes nicht nur tief durch, sondern auch befreit auf, weil alles dafür spricht, dass dieser Einstand gelingen wird. Das Frankfurter Sprechtheater hat einen neuen Intendanten. Die Erwartungen sind hoch. Oliver Reese macht es weder sich noch dem Publikum einfach, indem er mit einem knapp vier Stunden währenden antiken Stücke-Doppel beginnt. Michael Thalheimer inszeniert „Ödipus“ und „Antigone“ von Sophokles als zusammenhängende Geschichte. Im ersten Teil wird mit Masken gespielt, die Schauspieler schlurfen auf Kothurnen über eine Art Vorbühne, wo sich die Tragödie abspielt. Der eiserne Vorhang bleibt vorerst geschlossen. Der Chor steht frontal zu den Besuchern. Er artikuliert die Ansprüche und Gefühle des Volks von Theben äußerst präzise.
Oberbürgermeisterin Petra Roth schwärmt in der Pause vom Chor, der in der griechischen Tragödie eine entscheidende Rolle als Kommentator, Stimmungsträger, Bestätigungsinstanz und Widerspruchsgeist spielt. Die Sprechweise der etwa 40 Darsteller habe sie sehr beeindruckt, sagt sie – und bringt auch ihre Bewunderung für den Hauptdarsteller zum Ausdruck. Marc Oliver Schulze hat Wahn und Verblendung des Ödipus grandios verkörpert. Kulturdezernent Felix Semmelroth ist ebenfalls angetan: „Das ist das Schauspielertheater, das wir uns für Frankfurt erhofft haben.“ Er zeigt sich begeistert von Constanze Becker, die als Iokaste zu sehen war. Im zweiten Teil des Premierenprogramms verschafft sie dem rundum erneuerten Schauspielhaus eine erste theatralische Sternstunde. Als Antigone sorgt sie für flirrende und doppeldeutige Momente, die deutlich werden lassen, warum sie am Deutschen Theater in Berlin zu einer der führenden Schauspielerinnen des Landes avancierte.
Freude um das Bockenheimer Depot
„Ich werde jetzt wieder öfter ins Theater gehen“, sagt Frankfurts früherer Kulturdezernent Hilmar Hoffmann nach der Vorstellung. Die allgemeine Befindlichkeit bewegt sich kurz vor Mitternacht zwischen Erschöpfung und Euphorie. Die Besucher der Nachpremierenparty scheinen sich weithin einig: Dieses Theater soll eine Erfolgsgeschichte werden. Man möchte anknüpfen an große Zeiten, als namhafte Schauspieler im Mittelpunkt standen. Das Interesse gerade der Kollegen an diesem Abend ist groß. Claus Helmer, Leiter von Komödie und Fritz Rémond Theater, Daniel Nicolai, Chef des English Theatre, Gordon Vajen, Direktor des Theaterhauses in der Schützenstraße, waren unter den Zuschauern. Michael Quast ist da, mit dem Intendant Reese schon in dieser Spielzeit zusammenarbeiten wird, viele Schauspieler aus dem früheren Ensemble sind gekommen, und auch benachbarte kulturelle Disziplinen sind prominent vertreten. So ist Susanne Gaensheimer, Leiterin des Museums für Moderne Kunst, unter den Gästen.
Das Bockenheimer Depot wird einen Tag später mit dem Musical „Cabaret“ als Spielort des Schauspiels eröffnet, das jetzt wieder Kammerspiele genannte Kleine Haus am dritten Abend des langen Premieren-Wochenendes mit der Paul-Auster-Adaption „Stadt aus Glas“. Bernd Fülle, Geschäftsführer der Bühnen Frankfurt GmbH, strahlt, als der letzte Ton der „Cabaret“-Zugabe verklungen ist: Er sei, sagt er, sehr froh, dass das Depot wieder vom Sprechtheater genutzt werde. Manch einer erinnert sich an die alten Zeiten, als das TAT hier residierte und nach den Aufführungen oft ausgiebig diskutiert und gefeiert wurde. Wie damals trinken auch jetzt nach der Aufführung selbst gestandene Bürgerinnen das Bier aus der Flasche.