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Frankfurter Mousonturm Tatort Tosca

Niemand darf hier überleben, keiner lieben, nichts und niemand ist mehr froh: Man braucht nichts über „Tosca“ zu wissen, Puccinis 1900 uraufgeführtes Operndrama, um das zu spüren in den ersten Sekunden von Toula Limnaios' „Reading Tosca“.

© REUTERS Vergrößern Schon für die Bregenzer Festspiele hat Limnaios Puccinis Oper den Bedingungen des zeitgenössischen Tanzes anverwandelt

Niemand darf hier überleben, keiner lieben, nichts und niemand ist mehr froh: Man braucht nichts über „Tosca“ zu wissen, Puccinis 1900 uraufgeführtes Operndrama, um das zu spüren in den ersten Sekunden von Toula Limnaios’ „Reading Tosca“. Das hier wird böse enden oder vielmehr: Es hat schon böse geendet.

Eva-Maria Magel Folgen:  

Auf dem Bühnenboden sind Schuhe und Kleider verteilt, um jedes Objekt zieht sich eine dicke, weiße Kreidespur, dazwischen sieht man, ebenfalls mit Kreide gezogen, die Umrisse menschlicher Körper. Spurensicherung, das ist gewissermaßen auch, was die deutsch-griechische, mit ihrer Companie in Berlin ansässige Choreographin Toula Limnaios in „Reading Tosca“ betreibt. Liebe, Loyalität, Macht und Eifersucht, die Motive der Handlung, werden ebenso untersucht wie die Musik in dem knapp 90 Minuten langen Tanzstück.

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Bewegungen, die an Kampfszenen erinnern

Für die Bregenzer Festspiele hat Limnaios, in Koproduktion unter anderem mit dem Frankfurter Mousonturm, wo „Reading Tosca“ nun zu sehen ist, nicht die Handlung der „Tosca“ als Tanz interpretiert, sondern Puccinis Oper den Bedingungen des zeitgenössischen Tanzes anverwandelt. Limnaios’ Tanzsprache eignet sich dafür besonders gut, liebt die Choreographin, deren Arbeiten immer wieder in Frankfurt zu sehen sind, wo sie auch häufig mit der Tanzabteilung der Musikhochschule zusammengearbeitet hat, doch die starken Bilder. Sie ist dem Pathos nicht abgeneigt, und gerade in dieser Choreographie prägen ihre oft an Kampfszenen erinnernden dynamischen Bewegungen eine dichte Atmosphäre des Beherrschens und Unterwerfens, des Sehnens und der Illusionen.

Am Anfang stehen die vier Frauen und drei Männer ihrer Companie (Mercedes Appugliese, Fleur Conlon, Kayoko Minami, Elik Niv, Clebio Oliveira, Ute Pliestermann und Hironori Sugata) in schwarzer Unterwäsche, lassen sich blitzschnell in die Kreideumrisse fallen, als verkrümmte, am Boden liegende Gestalten. Niemand endet zweimal als dasselbe Opfer: Was anhebt wie ein makabrer Ringelreihen der toten Posen, von Umriss zu Umriss, wird auf halbdunkler Bühne zu düsterer Musik zum Organisationsprinzip. Alle sind sie einmal Tosca, die Frauen in den wechselnden bunten Sommerkleidern und im Grunde auch die Männer, die immer nur episodenweise die Oberhand behalten, die Frauen gewissermaßen in Form zwingen, zur Liebe, zur Hingabe, bis diese sich wieder zur Wehr setzen: Als Frauenformation im Gleichschritt oder in Pas de deux, deren komplizierte Verflechtungen sich durch wütende Sprünge oder steile Hebungen wieder auflösen.

Operntod im wogenden Meer aus rotem Samt

Nicht ohne Witz sind die Indizien der Geschlechterrollen und ihres Ringtauschs in diesem opulenten Beziehungskrimi, darunter viele, die in Limnaios’ Arbeiten immer wieder vorkommen: Zwei Frauen posieren wie männliche Bodybuilder, manipuliert von Männern; ein Mann im langen Kleid tanzt mit zwei feuerroten Fächern, die Frauen scheinen mit ihren spitzen Pumps auf tödlichen Waffen einherzustöckeln.

Ralf Ollertz, der Hauskomponist der Companie, hat auf der Grundlage eines „Tosca“-Mitschnitts der Bregenzer Festspiele eine Musik komponiert, die dem Belcanto und der Opulenz der Puccini-Töne zwar noch genug Raum lässt, doch ganz Eigenes aus der Opernvorlage macht, die nur noch an einigen Stellen im Original aufscheint: Verdoppelungen, Verzerrungen, elektronische Sphärenklänge und helle, durch Mark und Bein fahrende Hammerschläge hat Ollertz mit der Orchestermusik und den Sängerstimmen vermischt, das dumpfe Sprechen, Schreien, Stöhnen der Tänzer gibt dem Grauen noch mehr Raum, als es der wohlklingende Schöngesang könnte. Die opernhafte Opulenz stellt nicht nur Ollertz’ Komposition aus: Die Tänzer etwa bringen die stimmungsvollen Nebelschwaden samt Maschine selbst auf die Bühne.

Zuweilen allerdings ist es des Guten oder Grausigen zu viel, was zu hören ist – und zu sehen auch. Das Insistieren auf Tönen und vielmals wiederholten Bewegungen wirkt zuweilen penetrant; allerdings scheint sich diese Wirkung hauptsächlich deshalb einzustellen, weil das Stück ursprünglich für die enorme Bregenzer Bühne konzipiert und später für ein kleineres Format umgearbeitet wurde. Im Saal des Mousonturms wirken nicht nur die Figuren zuweilen wie eingeklemmt, auch die Musik hat dann nicht genug Raum.

Umso schöner, dass das grandiose Schlusstableau, das sich im Lauf des Stücks immer wieder ankündigt, auch in kleinerem Rahmen seine Wirkung entfaltet. Tosca, im Wortsinne wechselhaft und leidenschaftlich, stürzt in einem wogenden Meer aus rotem Samt in einen Operntod, der das Tanzpublikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Eva-Maria Magel

Weitere Vorstellungen heute und morgen, jeweils um 20 Uhr, im Mousonturm.

Quelle: F.A.Z.

 
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