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Frankfurter Kammeroper „Oper muss nicht steife Etikette sein“

26.07.2010 ·  Seit fast 30 Jahren leitet Rainer Pudenz die Frankfurter Kammeroper. Er freut sich über die familiäre Atmosphäre hinter den Kulissen. Nur ein fester Spielort fehlt noch.

Von Frank Lutz, Frankfurt
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Die Kammeroper Frankfurt ist sein Kind – ein Kind, das mittlerweile fast 30 Jahre alt ist. „Opern inszenieren ist wie eine Sucht. Irgendwann habe ich damit angefangen, und inzwischen sind es drei Opern pro Jahr“, sagt Rainer Pudenz, Gründer und Leiter der Kammeroper. Der 54 Jahre alte Mann sitzt im Esszimmer seiner Wohnung im dritten Stock eines alten Hauses im Nordend. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotografien, die sein Bruder Martin, ein professioneller Fotograf, aufgenommen hat. Rainer Pudenz’ stahlblaue Augen fallen sofort auf: Mit einem aufmerksamen und wachen Blick betrachtet er seine Umwelt.

Zur Oper kam er schon sehr früh: Mit 13 Jahren zog er von zu Hause aus und verdiente sich sein Geld als Garderobier an der Oper Frankfurt. Mit 20 wurde er Regieassistent, arbeitete in den siebziger Jahren für Giancarlo del Monaco und Siegfried Schoenbohm in Stuttgart, Freiburg und Essen. Doch irgendwann fühlte er sich an der großen Oper nicht mehr wohl. „Ich war frustriert von der Art und Weise, wie die Leute miteinander umgingen: Es gab strenge Hierarchien, und oft wurden Personen plötzlich arrogant und hochnäsig, wenn sie in höhere Positionen aufstiegen“, erinnert sich Pudenz. Er suchte nach neuen Herausforderungen. Es war schließlich eine zufällige Begegnung, die den Weg zur Gründung der Kammeroper ebnete: 1982 traf Pudenz auf dem Oeder Weg einen Dirigenten wieder, den er aus seiner Zeit als Regieassistent kannte. Gemeinsam beschlossen sie, eine Oper zu inszenieren. Die Wahl fiel auf „Pimpinone“ von Georg Philipp Telemann. Die Oper wurde noch im gleichen Jahr an der Werner-von-Siemens-Schule im Gutleutviertel aufgeführt – dies war die Geburtsstunde der Kammeroper. Die nächsten Auftritte gab es in den Freimaurerlogen im Finkenhof und an der Kaiserstraße. Rund 80 Opern hat die Kammeroper seitdem aufgeführt.

Die meisten Stücke gehören zum Genre der Opera buffa

Pudenz wählt die Spielorte gemeinsam mit seinen Künstlern aus, denn der Ort müsse zum jeweiligen Stück passen: Für eine humoristische und witzige Oper wie „Die lustigen Weiber von Windsor“ beispielsweise sei der Palmengarten mit seiner entspannten Freiluft-Atmosphäre sehr geeignet. Auch in der Naxoshalle tritt die Kammeroper oft auf und hat Gastspiele in Florenz und Bellagio gegeben. Die ersten Aufführungen unter freiem Himmel gab es in der Kastanienallee am Holzhausenschlösschen. Einen festen Spielort hat die Oper bis heute nicht, zu den Proben treffen sich die Musiker im Palmengarten oder im Mousonturm. Damit sich die Mitarbeiter dieses modernen Wandertheaters nicht heimatlos fühlen, soll die Atmosphäre hinter den Kulissen nach Pudenz’ Wunsch menschlich und familiär sein: „Wir sind wie ein Haufen Freunde.“ Der Leiter versucht, allen Beteiligten „eine Spielwiese zu geben“: Er stelle ein grobes Konzept vor, das von den Künstlern gemeinsam weiterentwickelt werde. Er treffe die wichtigen Entscheidungen zwar alleine, lege aber Wert auf Ideen und Anregungen der Künstler.

Rund 40 Mal steht das Ensemble innerhalb eines Jahres auf der Bühne. An den Wänden im Flur von Pudenz’ Wohnung hängen Plakate vergangener Aufführungen. Die meisten Stücke gehören zum Genre der Opera buffa, denn der Leiter der Kammeroper macht gerne Spaß und will seine Zuschauer unterhalten, wie er sagt. Bei den Aufführungen gehe es locker und unverkrampft zu: „Die Zuschauer bekommen einen ganz anderen Zugang und merken, dass Oper nicht steife Etikette sein muss. Sie sind begeistert und vergessen viele ihrer Alltagssorgen.“ Allerdings ist die Kammeroper nicht auf die Opera buffa festgelegt, im vergangenen Jahr beispielsweise wurde Verdis „Rigoletto“ gespielt. Bei der Aufführung der „Winterreise“ vor drei Jahren kombinierte Pudenz Schuberts Lieder mit der Musik des zeitgenössischen Komponisten Andrea Cavallari, den er während einer gemeinsamen Produktion in Florenz kennengelernt hat. Im Laufe der Jahre inszenierte er auch drei moderne Opern, allerdings interessierten sich nicht viele Zuschauer dafür. Trotzdem plane er als nächste Projekte neben einer Wiederaufführung der „Zauberflöte“ auch eine Produktion mit dem spanischen Schriftsteller Rafael Argullol, zu der Cavallari die Musik komponieren soll.

Es sei immer gelungen, talentierte Sänger zu finden

Mit einer großen Schwierigkeit kämpft die Kammeroper bis heute: Ein neues Projekt zu finanzieren sei fast jedes Mal eine große Herausforderung – und das, obwohl mit den Kosten einer gesamten Produktion noch nicht einmal das Bühnenbild an einer großen Oper finanziert werden könne. Trotzdem möchte Pudenz seine Erfahrungen als Leiter der Kammeroper nicht missen: Viele Höhepunkte habe es in den vergangenen 28 Jahren gegeben, und er lerne immer wieder wunderbare Künstler kennen. Anfangs hätten ihm seine Beziehungen zur Opernszene geholfen, Künstler für seine Produktionen zu gewinnen. Inzwischen habe sich die Kammeroper als „Karriere-Sprungbrett“ etabliert: Viele Künstler, die an Pudenz’ Produktionen mitwirkten, hätten inzwischen in Mailand, Bordeaux oder Paris Karriere gemacht. Bis heute hat das Ensemble keine festen Angestellten, obwohl es Personen gibt, mit denen Pudenz von Beginn an zusammengearbeitet hat, wie unter anderen die Kostümbildnerin Margarethe Berghoff. Auch die Musiker spielen in verschiedenen anderen Orchestern, wenn sie nicht gerade an einer Produktion der Kammeroper mitwirken. „Ich habe niemals Probleme, Musiker zu finden“, sagt Pudenz. Schwieriger sei es mit den Sängern, nach denen er oft lange suchen müsse.

Trotzdem sei es immer gelungen, talentierte Sänger zu gewinnen. „Die Leute arbeiten gerne mit mir. Ich kriege sie immer, wenn ich sie haben will“, sagt Pudenz. Vielleicht liegt es daran, dass er sich selbst jedes Mal für ein neues Projekt begeistern kann und es ihm gelingt, diese Begeisterung auf seine Künstler zu übertragen. Besondere Wünsche für die Zukunft hat der Leiter der Kammeroper nicht. Über einen festen Spielort für sein Ensemble würde er sich freuen, eine Stiftung wolle der Kammeroper eine ehemalige Ölfabrik in Sachsenhausen zur Verfügung stellen. Ansonsten hofft Pudenz nur, dass er noch lange die Gelegenheit hat, „immer schön viele Stücke zu inszenieren.“

„Die lustigen Weiber von Windsor“ sind im Frankfurter Palmengarten am 28., 30. und 31. Juli sowie am 1., 4., 6., 7., 8., 11., 13., 14. und 15. August jeweils um 19.30 Uhr zu sehen.

Quelle: F.A.Z.
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