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Frankfurter Buchmesse : Die Stunde des Kängurus

Weltliteratur: Besucher im Literaturhaus, in der Mitte, mit Blick in die Kamera, Friedenspreisträger Boualem Sansal Bild: Wonge Bergmann

Die Literaturtage in Frankfurt würdigen die Frankophonie in Frankreich und weit darüber hinaus: Ein Ausblick auf den Ehrengast der Buchmesse.

          Wenn Shumona Sinha in Paris mit indischem Akzent Französisch spricht, antworten manche ihrer Gesprächspartner ihr auf Englisch. Ihr Alltag, sagt die 1981 in Kalkutta zur Welt gekommene Schriftstellerin, habe seine lächerlichen Seiten. Schließlich lebt sie schon seit anderthalb Jahrzehnten in Paris und schreibt ihre Romane auf Französisch. Im Literaturbetrieb ihrer neuen Heimat werde sie zum Glück respektiert: „Französisch ist die Sprache meiner Freiheit.“ Mit einem Stipendium machte sie sich von Indien nach Frankreich auf. Seitdem hat sie als Englischlehrerin gearbeitet und als Dolmetscherin für die Einwanderungsbehörde. Aus ihren abends in den Computer getippten Erlebnissen hat sie den Roman „Erschlagt die Armen!“ gemacht, in dem sie Frankreichs Asylbewerber als entmutigte Masse zum Lügen gezwungener Elender beschreibt.

          Florian  Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ihr Porträt wandernder Armer, die vom europäischen Asylrecht zum Aufbauschen politischer und religiöser Verfolgung gezwungen werden, hat ihr in Frankreich viel Kritik eingebracht. „Diese Männer befallen das Meer wie ungeliebte Quallen und werfen sich an fremde Ufer“, heißt es im Roman, der munter zwischen Kitsch und Pamphlet hin und her schwankt. Alain Mabanckou verwandelt Sinhas Bild im Gespräch trotzdem lieber spielerisch in eine Literaturbetriebsangelegenheit. Zum Eintritt in die französische Sprache brauche man keinen Pass, sagt der 1966 in der Republik Kongo geborene Kollege: „Man kann illegal einreisen.“ Leicht sei es trotzdem nicht. Er bewundere Sinhas Sprung vom Bengalischen ins Französische: „Sie ist wie ein Känguru, das in einen anderen Raum hüpft und sich dort niederlässt.“

          Für Bousselmi ist Sprache etwas Ambivalentes

          Viele Schriftstellerkängurus sind am Wochenende durch die Räume des Frankfurter Literaturhauses gesprungen. Louis-Philippe Dalembert zum Beispiel, der 1962 in Haiti geborene Schriftsteller, der an der Sorbonne mit einer Arbeit über seinen kubanischen Kollegen Alejo Carpentier promoviert wurde. Oder Pedro Kadivar, der 1967 in Schiras zur Welt gekommene Theaterregisseur, der mit 16 Jahren vor der Gewalt der iranischen Religionsgelehrten nach Frankreich floh und in den neunziger Jahren nach Berlin weiterzog, wo er Heiner Müller inszenierte, Stücke schrieb und seine Doktorarbeit über Marcel Proust beendete, der ihm zwischen den endlosen Baustellen der deutschen Hauptstadt plötzlich jünger und zeitgenössischer vorkam als zuvor in Paris: „Um mir selbst treu zu bleiben, musste ich die Erfahrung der Migration noch einmal machen.“

          Und all das ausgerechnet in Frankfurt. „Was für eine außerordentliche Sache“, sagt die tunesische Autorin und Rechtsanwältin Meriam Bousselmi. Zu tun hat das Treffen an der Schönen Aussicht etwas damit, dass Frankreich Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein wird. Und wie in jedem Januar versucht Litprom, die in Frankfurt ansässige Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, mit dem Programm der „Literaturtage“ einen Ausblick auf den Ehrengast der Bücherschau zu geben.

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